Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

jene,  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  sehr  starke,  geistige  Strömung,
die  den  „guten  Wilden“  in  den  Himmel  erhob,  die  die  Literatur  der
Zeit,  z.  B.  in  den  Erzählungen  Voltaiee’s,  Diderot’s  und  Maemontbl’s
erfüllte,  und  die  wir  in  der  anarchistischen  Literatur  unserer  Tage
wiederkehren  sehen.  Trotzdem  aber  ist  sie  zu  verwerfen.  'Nichts
erinnert  weniger  an  einen  Wilden,  als  ein  Physiokrat.  Sie  waren
alle  sehr  „veramtet“;  Juristen,  Intendanten  (was  heute  bei  uns  einem
Regierungspräsidenten  entsprechen  würde,  Anm.  d.  Übers.),  Abbes,
königliche  Leibärzte  usw.,  ganz  erfüllt  von  den  Begriffen  Zivilisation,
Ordnung,  Autorität,  Souveränität  und  besonders  Eigentum,  das  kaum
mit  dem  primitiven  Zustande  des  Wilden  vereinbar  ist.  „Eigentum,
Sicherheit,  Freiheit  fassen  die  ganze  soziale  Ordnung  zusammen“  1 ).
Sie  neigen  daher  durchaus  nicht  zu  dem  Glauben,  daß  die  Menschen
irgend  etwas  verloren  hätten,  als  sie  vom  wilden  zum  zivilisierten
Zustand  übergingen,  oder  sogar,  wie  Rousseau  behauptete,  daß  sie
im  Naturzustände  freier  wären  und  durch  Annahme  des  Gesellschaftsvertrages ­
  (contrat  social)  ein  Opfer  gebracht  hätten,  noch  daß  sie,
im  Falle  der  Vertrag,  was  meistenteils  ein  trat,  leoninisch  ausfiel,  in
Gefahr  gewesen  wären,  nicht  den  Gegenwert  der  aufgegebenen  Vorteile ­
  wiederzufinden.  Hirngespinnste!,  antworten  die  Physiokraten.
-  Wenn  die  Menschen  vom  Naturzustände  zum  Zustande  der  Zivilisation
übergehen,  so  geben  sie  nicht  nur  nichts  auf,  sondern  gewinnen  im
Gegenteil  alles 2 ).  J
Bedeutet  „natürliche  Ordnung“  nun,  daß  die  menschlichen  Gemeinschaften ­
  von  natürlichen  Gesetzen  regiert  werden,  von
Gesetzen,  wie  sie  die  physische  Welt,  oder  besser,  wie  sie  die  tierischen
sagt  wörtlich:  „Wie  aber  haben  die  Völker  diesen  glückseligen  Zustand,  dessen  sie
sich  in  einem  so  frühen  und  so  glücklichen  Altertume  erfreuten,  verlassen  können?
Wie  sind  sie  dazu  gekommen,  die  natürliche  Ordnung  zu  verkennen?“  (I,  S.  25).  —
Nichtsdestoweniger  würde  selbst  in  dieser  Auffassung  die  frühere  natürliche  Ordnung
keine  Beziehung  zum  Zustande  des  Wilden  haben,  sondern  mehr  das  vorstellen,  was
die  Alten  mit  dem  „goldenen  Zeitalter“,  die  Christen  mit  dem  „Garten  Eden“  bezeichneten.
  In  diesem  Sinne  würde  die  natürliche  Ordnung  das  verlorene,  nun
wiederzufindende,  Paradies  bedeuten.
Übrigens  erscheint  dieser  Gesichtspunkt  nur  ausnahmsweise  bei  den  Physiokraten; ­
  immerhin  verdient  er  festgestellt  zu  werden,  um  zu  zeigen,  wie  fremd  die
moderne  Entwicklungs-  und  Portschrittslehre  den  Physiokraten  war.
')  Mbhoibb  de  la  RiviAbe  II,  S.  615.
„Das  Naturreoht  ist  in  der  Ordnung  der  Natur  unbestimmt  (welche
Antithese!);  „es  wird  es  erst  in  der  Ordnung  des  Rechtswesens  durch  die  Arbeit“
(Qüesnay,  S.  43).
2 )  „Wenn  sie  einen  Gesellschaftsvertrag  eingehen  und  Übereinkommen  zu  ihrem
gegenseitigen  Vorteile  absohließen  werden,  so  werden  sie  den  Gebrauch  ihrer  freien
Naturrechte  vermehren  und  ihrer  Freiheit  keinen  Abbruch  tun,  denn  es  ist  ja  gerade
der  Zustand,  den  ihr  aufgeklärter  Freiheitsbegriff  in  voller  Unabhängigkeit  erwählt
haben  würde“  (Qdbsnay,  S.  43,  44).
            
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