Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehie,
endlich wichtiger, als der Reichtum selbst“ (S. 201). Es \is^ die
Pflicht der Nation, für die Vermehrung dessen Sorge zu tragen!'
List mit einem etwas unklaren Ausdruck die „produktiven Kräfte“ net
und zwar noch mehr als für die Vermehrung der tauschbaren Werte 1 );
sie kann für den Augenblick die Vermehrung der letzteren opfern,
um die ersteren aufrecht zu erhalten. Was er unter diesen Aus
drücken versteht, ist einfach der Zwiespalt zwischen einer Politik,
die die Zukunft der Nation im Auge hat, und einer Politik, die nur
der Gegenwart Rechnung trägt. „Die Nation muß materielle Güter
aufopfern und entbehren, um geistige oder gesellschaftliche Kräfte zu
erwerben; sie muß gegenwärtige Vorteile aufopfern, um sich zu
künftige zu sichern“ 2 ).
Welches sind nun diese produktiven Kräfte, die die beständige
Quelle des nationalen Wohlstandes und die Grundlage seines Fort
schritts vorstellen?
List führt zunächst mit ganz besonderem Nachdruck die moralischen
und politischen Einrichtungen an: Gedanken- und Gewissensfreiheit,
Freiheit der Presse, Geschworenengerichte, Öffentlichkeit des Ge
richtswesens, Kontrolle der Verwaltung, parlamentarische Regierung.
-Das alles wirkt auf die Arbeit des Individuums anregend und heilsam.
Er wird nicht müde, auf die Verluste an Reichtümern hinzuweisen,
die die Aufhebung des Ediktes von Nantes verursacht hat. oder auf
die, die auf Rechnung der spanischen Inquisition zu setzen sind, die,
so sagt er, „längst über die spanischen Flotten das Todesurteil ge
sprochen hatte, ehe es von den Flotten Englands und Hollands voll
zogen ward“ (S. 172). Nicht ohne Ungerechtigkeit 3 ) wirft er Smith
fl Gern stellt List den Begriff der Tauschwerte und den der produktiven Kräfte
einander gegenüber. Diese Gegenüberstellung ist aber nicht glücklich. Denn die
Überlegenheit einer Politik, die die produktiven Kräfte fördert, hat kein anderes
Mittel, den Nachweis ihrer Überlegenheit zu erbringen, als gerade durch die Ver
mehrung der Tauschwerte. Die beiden Begriffe stehen daher in keinem Widerspruch,
und bei einer Schätzung des Reichtums eines Landes müssen sowohl sein gegen
wärtiger Eeichtum wie seine zukünftigen Hilfsquellen in Betracht gezogen werden.
In seinen Briefen an Ingersoll (vgl. bes. Brief IV) stellt er das natürliche
kapital und das intellektuelle Kapital dem Kapital der produktiven
Materialien gegenüber (das einzige, das nach seiner Ansicht A. Smith im Auge
hat!); „die produktiven Kräfte einer Nation hängen nicht nur von diesem letzteren,
sondern auch und hauptsächlich von den beiden ersteren ab.“
2 ) Nat. Syst. Ausg. Cotta 1841, S. 216.
3 ) Wir sagen „nicht ohne Ungerechtigkeit“, denn Smith hat mehr als einmal
diese moralischen Kräfte in Betracht gezogen. Er läßt den Aufschwung der englischen
Landwirtschaft mit dem Zeitpunkt zusammenfallen, an dem die Pächter, da sie
Pachtverträge über längere Zeit erhalten hatten, sich von der Abhängigkeit von ihren
Grundbesitzern befreiten. Er weist darauf hin, daß die Städte schneller zu Wohlstand
gelangten als das platte Land, weil sich in ihnen eine regelmäßige Regierung eher
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