Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 311 
3. Und auch dann ist der Schutzzoll nur gerechtfertigt, „solange, 
bis die Manufaktur zureichend erstarkt ist, um die fremde Konkurrenz 
nicht mehr fürchten zu dürfen, und von da an darf der Schutzzoll 
„nur insoweit“ angewendet werden, als nötig ist, um die inländische 
Manufakturkraft in ihren Wurzeln zu beschützen“ 1 ). 
4. Schließlich darf sich der Schutzzoll niemals auf die Land 
wirtschaft erstrecken. Die Gründe hierfür sind, daß auf der einen 
Seite der Wohlstand der Landwirtschaft in hohem Maße von dem 
Fortschritte der Fabriken abhängt. Der Schutz der Fabriken nützt 
indirekt der Landwirtschaft, während die Preiserhöhung der Rohstoffe 
und Lebensmittel der Industrie schaden würde. Weiterhin besteht 
eine natürliche und besonders vorteilhafte Scheidung der Boden 
kulturen zwischen den verschiedenen Ländern, eine Scheidung, die 
mit den ursprünglichen Eigenschaften ihres Bodens zusammenhängt, 
und die der Schutzzoll nur stören kann. Diese natürlichen Unter 
schiede bestehen aber nicht für die Fabriken, „für die alle Nationen 
der gemäßigten Zonen . . . gleichmäßig befähigt sind“. 2 ) 
Man würde jedoch einige Mühe haben, diesen plötzlichen Um 
schwung List’s zugunsten des landwirtschaftlichen Freihandels zu 
verstehen, wenn man sich nicht vor Augen hielte (wie dies bei vielen 
■anderen Punkten seines Systems notwendig ist), daß er stets nur an 
die besondere Lage Deutschlands denkt. Damals war Deutschland 
«in Getreideausfuhrland und litt daher unter den englischen Getreide 
zöllen. Der deutsche Landwirt brauchte keinen Schutz, sondern 
Absatzgebiete; List würde glücklich gewesen sein, wenn er England 
zur Abschaffung seiner „Corn-laws“ hätte bereden können. 1879, mit 
dem Tage, an dem die Landwirte sich durch die fremde Konkurrenz 
ländischen Fabrikanten ruiniert und später an ihre Stelle tritt). — Es ist das ein 
Beweis, schließt List, für die Unmöglichkeit, in der sich die Fabrikanten eines neuen 
Landes befinden, aus eigenen Kräften und ohne Schutzzölle gegen die Konkurrenz 
der Länder mit alter Industrie zu kämpfen. Dieses Argument ist in den letzten Jahren 
«m häufigsten von den englischen Schutzzöllnern augewendet worden, um sich gegen 
die amerikanische Industrie zu verteidigen! Was würde List zu dieser Umkehrung 
der Dinge sagen? 
*) Nat. Syst. S. 261, Cotta. Ausg. 1841 und im ganzen 'XVI. Kap. (Buch II), 
Wo er unter anderem, auf Seite 431 sagt: „es wäre fehlerhaft, wenn Frankreich, 
nachdem seine Manufakturkraft zureichend erstarkt ist, nicht nach und nach zum 
gemäßigten Schutzzoll überginge, wenn es nicht durch Zulassung einer beschränkten 
Konkurrenz seine Mannfakturisten zur Nacheiferung anzusporneu trachten würde.“ 
2 ) N a t. S y s t. S. 304 und besonders auf S. 306 u. f. (Cotta. Ausg. 1841), wo er plötzlich 
die Taktik wechselt und alle die Argumente, die die Freihändler auf die Gesamtheit 
der Produkte anwenden, für sich zugunsten des landwirtschaftlichen Freihandels in 
Anspruch nimmt. Vgl. auch S. 460 (Ausg. Haüssbk), wo er schreibt, daß die Land 
wirtschaft „genügend durch die Natur der Dinge gegen die ausländische Konkurrenz 
geschützt sei“.
	        
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