Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 325 
so vielen fehlt, die sich für Individualisten halten und im Grunde 
weiter nichts als Partikularisten sind, besaß List in höchstem Grade. 
Er widmete zahlreiche Jahre seines Lebens der Aufgabe, seinem 
Lande die Notwendigkeit der Errichtung von Eisenbahnlinien zu 
verkünden und zeichnete im voraus den Plan der Hauptlinien, die 
seitdem in Deutschland gebaut worden sind. Für ihn war der Schutz 
zoll nur eins der MitteL das wirtschaftliche Gefüge Deutschlands 
fester zu gestalten und zwar auf Grund der Interessenübereinstim 
mung, die das Vorhandensein einer mächtigen Industrie hier schaffen 
würde. 
Auf diese Weise hat derselbe Mann seine Arbeit mit dem gleichen 
Enthusiasmus und unter dem Ansporn der gleichen Idee einem sich 
scheinbar widersprechenden Werke Avidmen können: der Abschaffung, 
der Binnenzollschranken und der Einführung von Schutzzöllen. — 
Heute können wir uns leicht eine nationale Volkswirtschaft vor 
stellen, in deren Programm keine Schutzzölle enthalten sind, und die 
sich dennoch mit vollem Recht auf List berufen kann X J. 
Und schließlich hat List den politischen Horizont der klassischen 
Schriftsteller erweitert, indem er an Stelle ihrer rein statischen 
Auffassung eine dynamische Auffassung des Volkswohlstandes, 
setzte. Er hat so die Lehre vom internationalen Handel um den 
selben Gedanken bereichert, den Sismondi in die innere National 
ökonomie eingeführt hat: nämlich die Sorge um den wirtschaftlichen ' 
Fortschritt. Doch statt ihn wie Sismondi hemmen zu wollen, will er 
ihn anspornen. Deshalb weist er dem Staate eine aktive Rolle zu: 
er stellt ihm die Aufgabe, die Quellen des zukünftigen Wohlstandes 
des Landes zu pflegen, indem er seine Produktivkräfte anregt 2 ) Der&w®^,^ 
') Es ist äußerst bemerkenswert, daß der größte Bewunderer Lxst’s, Dühring 
in seiner Kritischen Geschichte der Nationalökonomie und des So 
zialismus (2. Ausg. S. 362ff.) besonderen Nachdruck darauf gelegt hat, daß der 
Protektionismus nicht ein wesentlicher Bestandteil, sondern nur eine vorübergehende 
Form des größeren Prinzips der nationalen wirtschaftlichen Solidarität sei, die die 
grundlegende Auffassung List’s ist, und die den Protektionismus überleben muß. 
Dühring ist der einzige wirkliche Nachfolger der Ideen List’s und Carev’s; er hat 
sie mit großem Talent und in einer bemerkenswerten wissenschaftlichen AVeise ent- 
Avickelt. Was er aber am meisten bei diesen beiden Schriftstellern bewundert, ist 
uicht ihr Schutzzollsystem, sondern ihr Streben, hinter den einfachen Tatsachen des 
Tausches die materiellen und moralischen Kräfte zu fassen, auf denen der AVohlstand 
und die Zukunft eines Landes beruhen. Er hat einen Kursus der National- 
vnd Sozialökonomie (Berlin, 1873) verfaßt, der äußerst interessant ist. 
2 ) Nur die Saint-Simonisten hatten vor ihm den Staat in gleicher Weise aufgefaßt 
und ihm die Aufgabe zugewiesen, die produktiven Kräfte in Bewegung zu setzen. List 
spricht von ihnen mit Sympathie, besonders von denen, die, wie Michel Chevalier 
»das Verhältnis ihrer Lehre zu der der früheren Schule zu ermitteln und ihre Ideen 
®it den bestehenden Zuständen in Verbindung zu bringen versucht haben“ (S. 491,
	        
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