Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

die  die  Kapitalisten  und  Grundeigentümer  ausüben,  sich  Tag  für  Tag
fortsetzen  kann,  ohne  eine  dauernde  Revolte  bei  den  Arbeitern  hervorzurufen, ­
  ja  ohne  daß  diese  sich  überhaupt  dieses  Vorganges  bewußt ­
  werden?  Liegt  hierin  nicht  etwas  ganz  unwahrscheinliches?
Die  Frage  ist  allerdings  schwierig  genug  und  wohl  für  besonderen
Scharfsinn  geschaffen.  Marx  löst  sie  durch  seine  Theorie  des  Mehrwertes; ­
  Rodbeetus  einfacher  durch  den  Gegensatz  zwischen  der  im
Tausch  verwirklichten  wirtschaftlichen  Teilung  und  der  sozialen  Beraubung, ­
  die  sich  hinter  ihrer  scheinbaren  Gerechtigkeit  verbirgt.
Peoudhon  löst  sie  auf  seine  Weise.  Nach  ihm  besteht  zwischen  Arbeitgeber ­
  und  Arbeitnehmer  ein  beständiger  „Rechenfehler“  *)•  Der  Arbeitgeber ­
  zahlt  jedem  Arbeiter  den  Wert  seiner  individuellen  Leistung,
+  streicht  aber  das  Produkt  der  kollektiven  Kraft  aller  für  sich  ein,
ein  Produkt,  das  die  ganze  Summe  ihrer  individuellen  Leistungen  bedeutend ­
  übersteigt.  Dieser  Überschuß  stellt  den  Profit  vor.  „Man
sagt,  daß  der  Kapitalist  die  Arbeitstage  der  Arbeiter  bezahlt;
um  genau  zu  sein,  muß  man  sagen,  daß  der  Kapitalist  so  oft  einen
Arbeitstag  bezahlt,  als  er  an  jedem  Tage  Arbeiter  beschäftigt,  w r as
durchaus  nicht  auf  das  gleiche  hinausläuft.  Denn  die  ungeheure
Kraft,  die  sich  aus  der  Einheit  und  Harmonie  der  Arbeiter,  der
zweckmäßigen  Übereinstimmung  und  Gleichzeitigkeit  ihrer  Anstrengungen ­
  ergibt,  die  hat  er  nicht  bezahlt.  Zweihundert  Grenadiere
haben  in  einigen  Stunden  den  Obelisk  von  Luxor  aufgerichtet;  glaubt
man,  daß  ein  einzelner  Mensch  in  zweihundert  Tagen  diese  Arbeit
hätte  ausführen  können?  In  der  Rechnung  des  Kapitalisten  jedoch
wäre  die  Lohnberechnung  die  gleiche“  -).  So  glaubt  sich  der  Arbeiter
bezahlt,  ist  es  aber  in  Wirklichkeit  nur  zum  Teil,  und  infolgedessen
„behält  er,  selbst  wenn  er  seinen  Lohn  erhalten  hat,  ein  Eigentumsrecht ­
  auf  die  Sache,  die  er  erzeugt  hat“ 3 ).  So  scharfsinnig  auch
diese  Erklärung  ist,  so  ist  sie  deshalb  nicht  weniger  falsch.
Sobald  die  Broschüre  Proüdhon’s  herauskam,  war  ihr  Verfasser
berühmt,  und  zwar  nicht  nur  bei  dem  großen  Publikum,  das  nur  die
Schlagworte  kannte,  sondern  auch  unter  den  Volkswirtschaftlern.
Mehrere  von  ihnen,  wie  Beanqui  und  Joseph  Garnier  interessierten
sich  für  ein  so  starkes  Talent.  „Es  ist  unmöglich“,  schrieb  der
erstere  an  Peoudhon,  „mehr  Achtung  vor  Jemandem  zu  haben,
als  ich  für  Sie  fühle“ 4 ),  Durch  einen  günstigen  Bericht  an  die
')  In  einem  Briefe  sagt  er:  „Dies  ist  der  Grundgedanke  meines  Ersten  Memoire.“
Von  Saintb-Bbuve  angeführt  in  P.-J.  Proudhon,  S.  90,  —  und  er  beklagt  sich
später  darüber,  daß  dieser  Gedanke  nie  diskutiert  worden  sei.
2 )  Propriete,  1er  Memoire,  S.  91.
3 )  Ebenda,  S.  91.
4 J  Brief  Blanqui’s  vom  1.  Mai  1841  in  Antwort  auf  Pboudhon’s  Zusendung
eines  Zweiten  Memoire  über  das  Eigentum.
            
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