Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Auguste  Comte  hat  mit  großer  Beredsamkeit  Protest  erhoben
gegen  „jene  eitele  und  irrationelie  Neigung,  nur  den  Grad  der  Ordnung ­
  zugeben  zu  wollen,  der  sich  von  selbst  herstellt“,  eine  Neigung
die  „in  der  sozialen  Praxis  offenbar  auf  eine  Art  feierlicher  Demission
hinausläuft,  mit  der  sich  diese  angebliche  Wissenschaft  (die  Nationalökonomie) ­
  vor  jeder  etwas  schwierigen  Frage  zurückzieht,  die  die
industrielle  Entwicklung  auftauchen  läßt“  1 ).
Aber  auch  als  eine  Auslegung  der  Vorsehung  ist  dieser  Glaube
Bastiat’s  sehr  anzweifelbar.  Auf  keinen  Fall  scheint  er  mit  der
christlichen  Lehre  übereinzustimmen,  denn  man  darf  nicht  vergessen,
daß,  wenn  das  Christentum  lehrt:  der  Mensch  und  die  Welt  seien
von  Gott  gut  geschaffen  worden,  es  auch  lehrt,  daß  beide  durch  die
Schuld  des  Menschen  völlig  verderbt  worden  sind,  und  daß  sie  niemals ­
  wieder  durch  sich  selbst  auf  Grund  irgendeiner  natürlichen,
Genesung  bringenden  Tugend  wieder  gut  werden  können 2 ).  Christus
schreibt  seinen  Jüngern  vor:  den  natürlichen  Menschen  in  sich  abzutöten, ­
  um  einen  neuen  Menschen  zu  schaffen;  er  kündet  einen
neuen  Himmel  und  eine  neue  Erde  an.  Das  ist  viel  revolutionärer,
als  der  wirtschaftliche  Optimismus.  Der  Gott  Bastiat’s  ist  weiter
nichts  als  „der  Gott  der  guten  Leute“,  von  dem  Beeangee  sang.
Welche  Tatsachen  und  welche  Gesetze  enthüllen  uns  nun  diese
prästabilierte  Harmonie?  Alle,  antwortet  Bastiat:  den  Wert  und
den  Tausch,  das  Eigentum,  die  Konkurrenz,  die  Produktion,  den  Verbrauch, ­
  sowie  alle  anderen  .  .  .  Wir  werden  nur  auf  die  hinweisen,
in  denen  sich  diese  Harmonie  nach  seiner  Ansicht  am  ausgeprägtesten
offenbart.

§  1.  Die  Theorie  des  Dienstwertes.
*  /
In  erster  Linie  steht  das  Wertgesetz,^  das  „in  der  Nationalökonomie ­
  dieselbe  Rolle  spielt  wie  das  Zahlensystem  in  der
Arithmethik“  3 ).
Wie  wir  wissen,  hatte  Ricardo  gelehrt,  daß  der  Wert  durch  die
für  die  Produktion  geleistete  Arbeit  bestimmt  werde.  Diese  Theorie
fand  Bastiat  höchst  annehmbar,  und  er  hätte  sie  gern  in  seine
„Harmonien“  hineingebracht,  denn  sie  stimmte  sehr  gut  mit  der  Gerechtigkeitsidee ­
  überein,  da  sie  zeigte,  daß  jeder  W T ert  und  infolgex
 )  A.  Comte,  Cours  de  Philosophie  Positive,  Bd.  IV,  S.  202.
2 )  Die  Liturgie  der  reformierten  (französischen)  Kirche  sagt:  „Wir  erkennen  an
und  bekennen  .  .  .  daß  wir  aus  uns  selbst  unfähig  sind,  das  Gute  zu  tun.“
Siehe  weiter  unten  das  Kapitel  über  die  auf  dem  Christentume  beruhenden ­
  Lehren.
3 )  Harmonies,  Kap.  V,  S.  140.
            
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