Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Optimisten.

377

Man  kann  sich  über  die  Offenherzigkeit,  mit  der  Bastiat  seinen
Triumph  bekannt  gibt,  lustig  machen,  denn'er  sieht  nicht,  daß  die
Weite  seiner  Formel  nur  deshalb  gestattet,  alles,  was  man  will,
hineinzulegen,  weil  sie  ein  leerer  Rahmen,  ein  für  alle  Schlösser
passender  Universalschlüssel  ist.  *  *  Sie  läuft  darauf  hinaus,  daß  der
Wert  von  irgendeinem  Umstande  abhängt,  der  einen  Gegenstand
wünschenswert  machen  kann 1 ),  so  daß  wir  nach  dieser  Erklärung
nicht  klüger  sind  als  vorher.  Bei  näherer  Untersuchung  hat  diese
Definition  nicht  einmal  die  apologetische  Tragweite,  die  Bastiat
offenbar  blendete.  Sie  kann  in  keiner  Weise  zu  einer  RechtfV  ^igung
des  Wertes  und  mit  ihm  des  Eigentums  dienen;  höchstens  gelingt
ihr  dies  auf  Grund  einer  vieldeutigen  Formel!  Denn  das  Wort
Dienste  läßt  glauben,  und  deshalb  hat  er  es  gewählt,  daß  jeder
Wert  eine  Wohltat  für  den  bedeutet,  der  ihn  empfängt,  und  ein
Verdienst  für  den,  der  ihn  gibt.  Es  ist  aber  sehr  leicht  möglich,
daß  dies  nicht’"ier  Fall  ist.  Der  Eigentümer  eines  Hauses  oder
eines  Grundstückes  in  der  City  von  London,  der  das  eine  zu  einem
fabelhaften  Preise  vermietet  oder  das  andere  ebenso  yerkauft,  oder
der  Kapitalist,  der  einem  bedrängten  Geldbedürftigen  Geld  zu  einem
Wucherzinse  leiht,  oder  sogar  der  Politiker,  der  sich  für  irgendeine
wertvolle  Konzession  ein  enormes  Bestechungsgeld  zahlen  läßt,  sie
alle  leisten  zweifelsohne  große  Dienste,  —  der  Beweis  hierfür  liegt
schon  darin,  daß  sie  darum  angegangen,  gebeten  und  bestürmt
worden  sind  —  und  daher  würde  der  hohe  Mietspreis,  die  hohen
Zinsen  oder  die  große  Provision  unter  die  Formel  Bastiat’s  fallen.
Wir  haben  aber  soeben  gesehen,  daß  sie  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt ­
  aus  nichts  erklären  kann;  und  ebensowenig  kann  sie
vom  allgemeingültigen  moralischen  Standpunkte,  auf  den  sich  doch

verdient,  oder  schärfer  ausgedrüekt,  daß  das  geliehene  Kapital  produktiv  ist  (der
Hobel  gestattet  mehr  Bretter  herznstellen),  und  daß  es  infolgedessen  nur  gerecht  ist,
wenn  der  Besitzer  des  Hobels  seinen  Teil  davon  erhält.  Proudhon  antwortet,  daß  er
keineswegs  die  Berechtigung  des  Zinses  in  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung
bestreite,  aber  behaupte,  daß  dieser  Zins  nur  eine  historische  Kategorie  sei  (um  eine
spätere  Pormel  anzuwenden),  und  daß  es  leicht  wäre,  ihn  in  einer  neuen  Wirtschafts-  /
Ordnung  als  überflüssig  abzuschaffen.  Als  Mittel,  diese  neue  Wirtschaftsordnung  zu
verwirklichen,  weist  er  auf  seine  banque  d’echange  hin  (siehe  oben).  Aber  da  die
beiden  Duellanten  niemals  dazu  kamen,  sich  mit  dein  Speer  in  der  Hand  gegenüberzutreten ­
  und  im  leeren  fochten,  so  ist  diese  Diskussion  äußerst  ermüdend  und  macht
weder  dem  Einen  noch  dem  Anderen  große  Ehre.
*)  „Eine  Menge  Umstände  können  die  relative  Bedeutung  eines  Dienstes  erhöhen.
Er  erscheint  uns  mehr  oder  weniger  groß,  je  nachdem  er  uns  mehr  oder  weniger
nützlich  ist,  je  nachdem  mehr  oder  weniger  Personen  bereit  sind,  ihn  uns  zu  leisten;
je  nachdem  er  von  ihnen  mehr  oder  weniger  Arbeit,  Mühe,  Geschicklichkeit,  Zeit,
vorausgehendes  Studium  erfordert;  je  nachdem  er  uns  selbst  mehr  oder  weniger  davon
erspart“  (ebenda,  Kap.  V,  S.  146).
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.