Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Die Optimisten. 
381 
Werten besteht, so drückt sich jede Wertverminderung durch eine 
stetige Wertverminderung des Eigentums aus. 
Daraus zieht Bastiat den folgenden Schluß, der „der Wissenschaft 
eine ganz erstaunliche Tatsache enthüllen wird, und der, wenn ich 
mich nicht irre, bisher unbemerkt geblieben ist“ x ), daß nämlich in 
jeder fortschreitenden Gesellschaft der gemeinsame unentgeltliche 
Anteil beständig wächst, während der kostende und mit Beschlag 
belegte Teil stetig geringer wird. Die heutige Gesellschaft ist schon, 
ohne es zu wissen, kommunistisch und wird es mit jedem Tage mehr! 
Der Gedanke ist allerdings sehr schön. Er zeigt uns das Privat 
eigentum wie Inseln, die von einem weiten Meere des Gemeineigen 
tums umspült sind, und, was noch mehr besagt, von einem Meere, 
das stetig steigt nnd ohne Auf hören ihre Küsten wegschwemmt und 
ihre Oberfläche verringert. Sollte die Arbeit jemals allmächtig 
werden, sollte nämlich die Wissenschaft dazu gelangen, die An 
strengung auszuschalten, so würde an diesem Tage die letzte Eigen- 
tumsinsel unter dem steigenden Niveau des unentgeltlichen Nutzens 
verschwunden sein. Und so ruft Bastiat triumphierend aus: „Kom 
munisten, ihr träumt vom Gemeineigentum ? Ihr habt esja schon! 
Die soziale Ordnung macht ja alle Befriedigungsmittel zum Gemein 
eigentum unter der Bedingung, daß der Tausch der angeeigneten 
Werte frei sei“ 1 2 ). 
Aber Bastiat, der so viel gegen die Sophismen gekämpft hat, 
neigte selbst sehr dazu, sie zu gebrauchen. Wenn man tiefer in 
diese bestechende Darlegung eindringt, so findet man einfach die Be 
hauptung, daß es überhaupt keine Bodenrente gibt, da der Wert 
aller Erzeugnisse, unter Einschluß derjenigen, die man Naturprodukte 
nennt, niemals die Produktionskosten übersteigt, — und daß dieser 
Wert sogar beständig geringer wird, weil die Produktionskosten die 
Tendenz haben, sich zu verringern. 
Diese Behauptung ist aber ohne Stütze: der Beweis ist durchaus 
nicht erbracht, daß die Erzeugnisse des Bodens dem Gesetze der 
Konkurrenz unterliegen, deren Wirkung wäre, ihren Wert auf das 
Niveau der Produktionskosten herabzudrücken, und noch weniger, daß 
ihr Wert auf das Niveau der Minimalproduktionskosten herabgedrückt 
wird. Seine Auseinandersetzung widerlegt daher weder die Theorie 
der Monopolrente, noch die der Differentialrente. Soviel ist gewiß 
richtig, daß die Natur den Wert nicht schafft und keine Zahlung 
verlangt. Heute nimmt auch niemand mehr an, daß in dem Preis 
der Kohle oder des Getreides ein Pfennig enthalten sei, der die 
1 ) Harmonies, Kap. YIII, S. 256. 
2 ) Harmonies, Kap. Y, S. 142.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.