Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Optimisten.

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Werten  besteht,  so  drückt  sich  jede  Wertverminderung  durch  eine
stetige  Wertverminderung  des  Eigentums  aus.
Daraus  zieht  Bastiat  den  folgenden  Schluß,  der  „der  Wissenschaft
eine  ganz  erstaunliche  Tatsache  enthüllen  wird,  und  der,  wenn  ich
mich  nicht  irre,  bisher  unbemerkt  geblieben  ist“  x ),  daß  nämlich  in
jeder  fortschreitenden  Gesellschaft  der  gemeinsame  unentgeltliche
Anteil  beständig  wächst,  während  der  kostende  und  mit  Beschlag
belegte  Teil  stetig  geringer  wird.  Die  heutige  Gesellschaft  ist  schon,
ohne  es  zu  wissen,  kommunistisch  und  wird  es  mit  jedem  Tage  mehr!
Der  Gedanke  ist  allerdings  sehr  schön.  Er  zeigt  uns  das  Privateigentum ­
  wie  Inseln,  die  von  einem  weiten  Meere  des  Gemeineigentums ­
  umspült  sind,  und,  was  noch  mehr  besagt,  von  einem  Meere,
das  stetig  steigt  nnd  ohne  Auf  hören  ihre  Küsten  wegschwemmt  und
ihre  Oberfläche  verringert.  Sollte  die  Arbeit  jemals  allmächtig
werden,  sollte  nämlich  die  Wissenschaft  dazu  gelangen,  die  Anstrengung ­
  auszuschalten,  so  würde  an  diesem  Tage  die  letzte  Eigentumsinsel
  unter  dem  steigenden  Niveau  des  unentgeltlichen  Nutzens
verschwunden  sein.  Und  so  ruft  Bastiat  triumphierend  aus:  „Kommunisten, ­
  ihr  träumt  vom  Gemeineigentum  ?  Ihr  habt  esja  schon!
Die  soziale  Ordnung  macht  ja  alle  Befriedigungsmittel  zum  Gemeineigentum ­
  unter  der  Bedingung,  daß  der  Tausch  der  angeeigneten
Werte  frei  sei“  1  2 ).
Aber  Bastiat,  der  so  viel  gegen  die  Sophismen  gekämpft  hat,
neigte  selbst  sehr  dazu,  sie  zu  gebrauchen.  Wenn  man  tiefer  in
diese  bestechende  Darlegung  eindringt,  so  findet  man  einfach  die  Behauptung, ­
  daß  es  überhaupt  keine  Bodenrente  gibt,  da  der  Wert
aller  Erzeugnisse,  unter  Einschluß  derjenigen,  die  man  Naturprodukte
nennt,  niemals  die  Produktionskosten  übersteigt,  —  und  daß  dieser
Wert  sogar  beständig  geringer  wird,  weil  die  Produktionskosten  die
Tendenz  haben,  sich  zu  verringern.
Diese  Behauptung  ist  aber  ohne  Stütze:  der  Beweis  ist  durchaus
nicht  erbracht,  daß  die  Erzeugnisse  des  Bodens  dem  Gesetze  der
Konkurrenz  unterliegen,  deren  Wirkung  wäre,  ihren  Wert  auf  das
Niveau  der  Produktionskosten  herabzudrücken,  und  noch  weniger,  daß
ihr  Wert  auf  das  Niveau  der  Minimalproduktionskosten  herabgedrückt
wird.  Seine  Auseinandersetzung  widerlegt  daher  weder  die  Theorie
der  Monopolrente,  noch  die  der  Differentialrente.  Soviel  ist  gewiß
richtig,  daß  die  Natur  den  Wert  nicht  schafft  und  keine  Zahlung
verlangt.  Heute  nimmt  auch  niemand  mehr  an,  daß  in  dem  Preis
der  Kohle  oder  des  Getreides  ein  Pfennig  enthalten  sei,  der  die

1 )  Harmonies,  Kap.  YIII,  S.  256.
2 )  Harmonies,  Kap.  Y,  S.  142.
            
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