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Kapitel I. Die Physiokraten.
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Dieser Grundunterschied, den die Physiokraten zwischen der
landwirtschaftlichen und der industriellen Erzeugung aufstellten,
stammt aus der Theologie. Die Erzeugnisse des Bodens sind das
Werk Gottes, und allein Gott ist Schöpfer, während die Erzeugnisse
der Kunstfertigkeiten Menschenwerk sind und dem Menschen keine
Schöpferkraft innewohnt 1 ). Es ist leicht, ihnen zu antworten, daß
Gott, wenn er allein Schöpfer ist, ebenso Schöpfer bleibt, wenn er
nns unsere Kleidung, als wenn er uns unser tägliches Brot gibt, daß
der Mensch, wenn er nur umformen, nicht erschaffen kann, diese
Tätigkeit ebenso in der Bearbeitung des Bodens, wie in der des
Eisens oder des Holzes ausübt. Selbstverständlich kann die Land
wirtschaft, ebenso wie alle anderen Industrien die Materie nur um
formen. Ein zweites kann es nicht geben. Die Physiokraten haben
nicht fassen können — vielleicht w r eil Lavoisiee es noch nicht ge
lehrt hatte — daß in der Natur nichts sich erzeugt und nichts ver
loren geht, daß das in die Erde gesäte Getreidekorn seine Ähren
ebenso aus Stoffen des Bodens und der Luft, Gramm für Gramm, zu
sammensetzt, wie der Bäcker aus demselben Korn, Wasser, Salz und
Hefe Brot macht.
So blind jedoch waren die Physiokraten nicht, zu übersehen, daß
die Naturgüter und das Getreide selbst, genau wie die Industrie
erzeugnisse Preisschwankungen auf dem Markte unterworfen sind,
nnd daß sich der Reinertrag, bei einem zu großen Tiefstand des
Preises in Nichts auflöst. Wie erzeugt in diesem Falle die Erde
noch einen Wert? Und was macht den Wertunterschied zwischen
landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen aus? Man ver
steht dies nicht mehr.
Wahrscheinlich war in der Vorstellung der Physiokraten der \
„gute Preis“, d. h. der Preis, der einen Mehrwert über die Produk
tionskosten einschloß, das normale Ergebnis der natürlichen Ordnung.
Wenn der Preis unter das Niveau der Produktionskosten sank, war
die natürliche Ordnung zerstört, und es war nicht erstaunlich, daß
in diesem Falle der natürliche Wert verschwand. Dies soll ohne
daß auch die Landwirtschaft nur eine Förderindustrie und der Landwirt eine Art
Bergarbeiter ist der, um die Rohstoffe des Bodens zu gewinnen, sich der Pflanze als
Zwischenglied bedient, so daß die Erde sich ebenso wie eine Grube er
schöpfen muß. , . ... , , ..
*) „Die Arbeit, ausgenommen die Bearbeitung des Bodens, ist überall unproduktiv
(steril), denn der Mensch ist nicht Schöpfer“ (Le Trosse, S. 942).
„Der Boden besitzt diese Fähigkeit (die Fruchtbarkeit) kraft der Allmacht des
Schöpfers und des Segens, den er am Anbeginn über ihn aussprach; eine uneischöpf-
liche Quelle der Fruchtbarkeit der Natur, Der Mensch findet diese Fähigkeit vor;
er tut weiter nichts, als sich ihrer zu bedienen“ (id. Interet social, Kap. I, § 2).
Gide und Rist, Gosch, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.