Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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sondern  im  Gegenteil  den  normalen  Zustand  darstellen.  Diese  Einkommenskategorie, ­
  die  gerade  jeder  individuellen  Grundlage  entbehrt, ­
  das  nicht  verdiente  und  doch  erhobene  Einkommen,  nimmt
einen  ungeheuren  Platz  in  der  Güterverteilung  ein.  Senior  geht
aber  noch  viel  weiter,  denn  er  nimmt  an,  daß  das  Einkommen  jedes
Kapitals,  sobald  dies  Kapital  infolge  Todesfalles  aus  den  Händen
dessen,  der  es  geschaffen  hat,  auf  jemand  anderen  übergeht,  zu  einer
Eente  wird.  Der  Erbe  kann  tatsächlich  sich  nicht  mehr  auf  Abstinenz ­
  berufen,  da  diese  Tugend  nicht  durch  Erbfolge  übertragen
werden  kann,  und  er  hat  keinen  anderen  Eechtstitel  vorzuweisen  als
das  Glück  einer  Erbschaft 1 ).
Was  kann  sich  der  revolutionärste  Sozialist  besseres  als  Waffe
wünschen,  um  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung  zu  vernichten?
Wie  weit  sind  wir  jetzt  von  der  natürlichen  Ordnung  entfernt  I
Senior  kehrt  sich  aber  keinen  Augenblick  hieran,  und  die  großartige ­
  Gleichmütigkeit,  mit  der  alle  diese  Volkswirtschaftler  der
Schule  Ricardo’s  das,  was  sie  für  wahr  halten,  aussprechen,  ohne  sich
um  die  Schlüsse  zu  bekümmern,  die  man  daraus  zum  Weiterbauen
oder  zum  Niederreißen  ziehen  kann,  macht  wirklich  einen  prächtigen
wissenschaftlichen  Eindruck.
Senior  ist  es  auch  gewesen,  der  dem  Wert  eine  neue  Grundlage ­
  gegeben  hat,  die  Seltenheit  oder  vielmehr  —  denn  wohlverstanden ­
  muß  es  sich  immer  um  etwas  handeln,  das  geeignet  ist,
irgendein  Bedürfnis  zu  befriedigen  —  die  seltene  Nützlichkeit:  jedoch ­
  ist  es  gerade  das  Wort  Seltenheit,  dessen  sich  später  Walras
bedient.

zustreichen“  (Political  Economy,  S.  89).  Als  Beispiel  führt  er  das  Einkommen
eines  berühmten  Arztes  an,  das  100000  Er.  beträgt.  Er  zerlegt  es  wie  folgt:
Honorar  oder  Arbeitsentlohnung  1000  Pr.
Profit  oder  Entlohnung  der  Enthaltsamkeit  24000  „
Eente  75000  „
Siehe  Senioe’s  Theory  of  Monopoly  von  Richard  Ely  (American  Economic ­
  Association,  1899).
')  Diese  Angleichung  des  Erbes  an  die  Kente  macht  Senior  übrigens  wenig
Ehre.  Sie  beruht  auf  einer  Verwechslung  von  ganz  verschiedenartigen  Tatsachen:
.—  die  Eente  ist  eine  rein  wirtschaftliche  Tatsache,  beruht  auf  natürlichen  Ursachen
und  auf  den  notwendigen  Tauschbedingungen,  unabhängig  von  jeder  sozialen  Organisation ­
  und  sogar  von  dem  individuellen  Eigentum;  —  das  Erbe  ist  eine  rein  rechtliche ­
  Tatsache  und  ergibt  sich  aus  dem  Zivilrecht.  Das  Erbrecht  kann  abgeschafft
werden,  ohne  daß  dies  irgendetwas  an  der  Bildung  und  dem  Wachstum  der  Bodenrente ­
  oder  der  anderen  Renten  ändert;  und  umgekehrt  unter  einer  hypothetischen
Herrschaft  der  vollkommen  freien  Konkurrenz,  unter  der  die  Eente  abgeschafft  wäre,
könnte  das  Erbrecht  doch  mit  allen  seinen  Privilegien  weiterbestehen.
Augenscheinlich  versteht  Senior  unter  Eente  alles  Einkommen,  das  nicht  aus
der  persönlichen  Arbeit  des  Besitzers  stammt,  doch  ist  das  eine  vollständige
Verdrehung  der  ursprünglichen  Bedeutung.
            
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