Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 399 
Nicht nur in England, sondern überall wurden die Lehren, die 
man schon damals klassisch nennen konnte, während der ersten 
Hälfte des XIX. Jahrhunderts gelehrt. In Deutschland war es 
J. H. von Thünen, von dem wir schon gesprochen haben, und sein 
Zeitgenosse Kau LT Unbeschadet des wachsenden Einflusses der opti 
mistischen und politisch-liberalen Schule, die wir im vorhergehenden 
Kapitel studiert haben, wird doch auch in Frankreich die klassische, 
englische Nationalökonomie von einer großen Anzahl Yolkswirt- 
schaftlern vorgetragen, unter denen man hauptsächlich Rosst her 
vorheben muß, dessen Cours d’economie politique, 1840 ver 
öffentlicht, einen lang andauernden Erfolg hatte. Allerdings beruhte 
dieser Erfolg nicht so sehr auf irgendeinem besonders selbständigen 
Beitrag zur Wissenschaft, sondern mehr auf der etwas wohl 
rednerischen Glätte seines Stiles 2 ). 
Beeilen wir uns aber zu dem Yolkswirtschaftler zu kommen, der 
die Hauptfigur dieses Kapitels bilden soll, zu John Stuaet Mill a )r 
In ihm sollte die 'klassische Nationalökonomie in gewisser Weise 
ihren Höhepunkt Erreichen, und mit ihm beginnt auch ihr Verfall. 
Er verkörpert um die Mitte des XIX. Jahrhunderts den Höhepunkt 
ihrer Kurve. Was aber seine Persönlichkeit so anziehend und bei 
*) Das Lehrbuch der politischen Ökonomie von Rad erschien in den Jahren 
1826—1837, und der Isolierte Staat von v. Thünen, 1826. 
2 ) Pellegkino Eossi, italienischer Abstammung, aber 1833 als Franzose natura 
lisiert, war zuerst Professor am College de France, wo er der Nachfolger J.-B. Say’s 
wurde und späterhin an der Eechtsfakultät (wo er nicht mehr Volkswirtschaft las, 
sondern konstitutionelles Recht, und wo ein jährlicher Preis sein Gedächtnis lebendig 
hält). Er trat später in den diplomatischen Dienst über und wurde als Minister des 
Papstes Pius IX. 1848 in Rom ermordet. 
3 ) John Stüaet Mill wurde im Jahre 1806 geboren, als Sohn des Volkswirt 
schaftlers James Mill, von dem wir schon gesprochen haben. Er erhielt von seinem 
Vater eine wirklich übermenschliche Erziehung, die jedem anderen als ihn schwach 
sinnig gemacht haben würde. Mit 10 Jahren hatte ei» die gesamte Geschichte und 
die lateinische und griechische Literatur durchgenommen. Mit 13 Jahren kannte er 
die Geisteswissenschaften und die Philosophie und hatte eine Geschichte Roms ge 
schrieben. Mit 14 Jahren wußte er alles das, was man zu jener Zeit in der 
Nationalökonomie kannte. 1829, 23 Jahre alt, veröffentlichte er seine ersten 
Essais über Volkswirtschaft, 1843 ein großes philosophisches Werk: System of 
Logic, das den Grundstein zu seinem Ruhme legte, und 1848 seine bewunderungs 
würdigen Principles of political Economy. Im Berufsleben bekleidete er 
eine hohe Stellung in der Ostindischen Kompagnie bis zu deren Aufhebung im 
Jahre 1853. Von 1865—18B8 war er Mitglied des Unterhauses. Nach dem Tode seiner 
Frau, die an mehreren seiner Bücher und besonders an dem über Liberty (1859) 
mitgearbeitet hatte, verbrachte er, da er sich nicht von ihrem Grabe trennen wollte, 
die letzten Jahre seines Lebens (1859—1873), in Frankreich (in Avignon) (außer den 
Jahren, die er dem Unterhause angehörte). Br hat selbst sein Leben in seiner 
Auto biography erzählt, und es ist ganz besonders interessant, darin seine Ent 
wicklung zu sozialistischen Ideen zu verfolgen.
	        
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