Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 401
Man hat von Stuabt Mill gesagt, daß er nur ein befähigter
Popularisator gewesen sei. Dies ist eine durchaus unverdiente Herab-
minderung seines Verdienstes. Allerdings kann man für ihn nicht,
wie für die früheren Volkswirtschaft!er, ein großes Gesetz anführen,
dem er seinen Namen gegeben hat, aber er hat neue Perspektiven
■eröffnet, was vielleicht ein sichererer Kuhm ist, denn jene angeblichen
Gesetze sind fast alle znsammengebrochen: aber die Hoffnungen
bleiben. Die Dauer seines Werkes wird übrigens noch dadurch ver
bürgt, daß man in keinem anderen Buche, nicht einmal in dem
Adam Smith’s, so viele bewunderungswürdige Stellen findet, die sich
.ganz ausgesprochen für eine Blütenlese der Nationalökonomie eignen,
und so viele unvergeßliche Formeln, die von allen wieder angewendet
werden, die diese Wissenschaft zu lehren haben. Nicht umsonst
haben seine „Prinzipien“ seit einem halben Jahrhundert in den
meisten Universitäten englischer Zunge als Textbücher gedient
und erfüllen diesen Zweck noch heute.
Bevor wir aber die tiefgehenden Veränderungen ins Auge fassen,
die die klassischen Lehren in der Entwicklung seines Denkens
■erfuhren, werden wir sie zunächst in ihren großen Linien dar
legen, so wie sie um die Mitte des XIX. Jahrhunderts, in der
Periode von 1848—1873, erschienen, von der Veröffentlichung der
Prinzipien Stuabt Mill’s bis zu seinem Tode —: großartig und
scheinbar unerschütterlich. Es ist dies die Periode, die, vom fran
zösischen Gesichtspunkt aus, unter dem Namen der Periode des
zweiten Kaiserreichs zusammengefaßt wird, die Zeit, in der die
liberale klassische Schule glaubte, ihre beiden alten Gegner, den
Sozialismus und den Protektionismus endgültig besiegt zu haben.
Mit Hinsicht auf den Sozialismus schreibt Reybatjd im Diction-
naire d’Economie Politique im Jahre 1852: „Heute vom
•Sozialismus sprechen, heißt, eine Leichenrede halten.“ Was den
Protektionismus anlangt, so hatte er in England durch die Abschaffung
der Getreidezölle die Schlacht verloren und sollte in Frankreich und
in Europa überhaupt bald den Verträgen von 1860 erliegen. Der
klassischen Nationalökonomie schien daher die Zukunft gesichert:
.sie sah nicht voraus, daß 1867 das „Kapital“ erscheinen würde,
-daß 1872 der Kongreß von Eisenach zusammentreten sollte, und
daß um die gleiche Zeit die Verträge von 1860 gekündigt werden
würden.
Benutzen wir daher diese kurze Spanne ihres Euhmes, um
die Gesetze darzulegen, die sie lehrte, — und zwar so gedrängt,
wie möglich, da dies keine nationalökonomische Abhandlung ist —;
dabei wollen wir uns auf die Doktrinen beschränken, die damals
als endgültig angesehen wurden, und die noch heute von denen die
Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 26