Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  403

persönlichen  Interesses  entkleidet  ist:  sie  leugnet  die  anderen  Seiten
seines  Charakters  zwar  nicht,  aber  überläßt  sie  anderen  Wissenschaften. ­

Es  bleibt  nun  noch,  diese  natürlichen  Gesetze  aufzuführen.
l.*Das  Gesetz  des  persönlichen  Interesses.'Dieses  Gesetz
ist  unter  dem  Namen  „hedonistisches  Prinzip“  bekannt;  aber  dieser
Ausdruck  wurde  von  der  klassischen  Schule  nicht  angewandt.^  Jede
Persönlichkeit  sucht  das  Gute,  —  sagen  wir  hier  den  Reichtum,  —  und
flieht  das  Übel,  —  sagen  wir  hier  die  Anstrengung;  es  ist  dies  daher
ein  ins  Bereich  der  Psychologie  fallendes  Gesetz.  Was  gibt  es  aber
allgemeineres  und  beständigeres  als  dieses  Gesetz?  Es  ist  nicht
nur  das  natürlichste,  sondern  auch  das  „vernünftigste“  in  der  physiokratischen
  Bedeutung  dieses  Wortes,  denn  es  ist  einfach  das
’  Prinzip  der  Selbsterhaltung.  Darum  ist  die  klassische  Schule  sehr
oft  individualistisch  genannt  worden.
Individualismus  bedeutet  aber  durchaus  nicht  Egoismus,
wenigstens  nicht  im  gewöhnlichen  Sinn  dieses  Wortes.  Diese  Konfusion, ­
  die  man  beständig  macht,  um  die  klassische  Schule  zu  diskreditieren, ­
  ist  nach  dem,  was  sie  behauptet,  ein  sinnloser  Streit.
Niemand  hat  mit  größerer  Energie  als  Stuaet  Mill  gegen  diese
Art  und  Weise,  den  Individualismus  darzustellen,  protestiert.  Wenn
man  behauptet,  daß  man  seinen  eigenen  Nutzen  suchen  muß,  so  bedeutet ­
  das  noch  lange  nicht,  daß  man  das  Unglück  anderer  erstrebt.
Der  Individualismus  schließt  keineswegs  die  Sympathie  *)  aus,  und
ein  normales  Individuum  findet  im  Gegenteil  eine  Quelle  der  Freude
in  der  Freude,  die  es  anderen  verschafft.
Dies  hindert  nicht,  daß  Malthijs  und  Ricaedo  uns  klar  Fälle
gezeigt  haben,  wo  die  individuellen  Interessen  in  gegenseitigem
Kampfe  liegen,  und  wo  infolgedessen  das  eine  dem  anderen  geopfert
werden  muß,  und  daß  Stuaet  Mill,  weit  davon  entfernt,  diesen
Kampf  zu  leugnen,  ihn  besonders  hervorhebt.  Hierauf  antwortet  die
klassische  Schule  einerseits  mit  den  Optimisten,  daß  diese  Gegensätze ­
  nur  scheinbar  sind,  und  daß  unter  dieser  Oberfläche  sich  die
Harmonie  verbirgt,  —  andererseits,  daß  diese  Gegensätze  nicht  vom
Individualismus  oder  der  Freiheit  herrühren,  sondern  im  Gegenteil
davon,  daß  beide  nur  erst  höchst  unvollkommen  verwirklicht,  ja

*)  Wir  erinnern  daran,  daß  A.  Smith  ein  Buch:  Theory  of  moral  Sentiments ­
  verfaßt  hat  und  verweisen  auf  das  oben  gesagte  (SS.  97—98).  Stuart  Mill
sagt  sogar  „In  den  Vorschriften  Jesu  von  Nazareth  finden  wir  den  wirklichen  utilitaristischen ­
  Geist:  „Tue  deinem  Nächsten,  was  du  willst,  das^er  dir  tue.  Liebe  deinen
Nächsten,  wie  dich  selbst.“  Wie  dich  selbst;  man  muß  daher  damit  beginnen,
sich  selbst  zu  lieben,  ehe  man  andere  lieben  kann“  (L’Utilitarisme,  franz.
Übers.,  S.  31),

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