Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 405
Übrigens beruft sich auch die englische Schule mit nicht ge
ringerem Nachdruck auf den Liberalismus: unter besonderer Berück
sichtigung dieses Gesichtspunktes wird sie auch Manchesteris-
mus genannt (ein Ausdruck, der hauptsächlich von ihren deutschen
Kritikern in der Form „Manchestertum“ gebraucht wird).
Für die klassische Schule ist aber das Laisser-faire weder
ein Dogma, noch ein wissenschaftliches Axiom. Sie sieht hierin nur
haben, als das Glück der Individuen, der größtmöglichen Anzahl von Individuen.
Niemand denkt daran, das Glück der Gesellschaft an sich als einer beseelten Ein
heit zu erstreben. Auf Grund einer solchen Definition ist der Individualismus recht
nebelhaft; er schließt weder die Vergesellschaftung, noch den Solidarismus und nicht
einmal den Staatsinterventionismus ans, wenn er, wie in der Arbeitergesetzgebung
z. B., bezweckt, das Individuum gegen gewisse Ursachen der Verschlechterung zu
schützen. Er schließt sogar die Aufopferung nicht ans, da der Trieb, sich aufzu
opfern, sicherlich von einer starken Individualität zeugt! Der Individualismus wird
ungefähr in diesem Sinne in dem Buche von Schatz: L’Individualisme eoono-
miciue et social betrachtet. Die Bezeichnung individualistisch ist daher höchst
unbestimmt, weshalb wir soviel wie möglich den Gebrauch dieses Wortes vermeiden.
b) Bei der sogenannten liberalen Schule ist die Bedeutung klarer; sie be
gnügt sich nämlich nicht damit, zu sagen, daß das Individuum der einzige Zweck
des Wirtschaftslebens ist, sondern sie fügt hinzu, daß es der einzige Träger der
wirtschaftlichen Bewegung sein muß, weil niemand anders als das Indi
viduum dessen wirkliche Jnteressen besser kennen kann und fähiger ist, sie zu ver
wirklichen. Das so ausgedrückte Prinzip bedeutet aber, daß es am besten ist, das
Individuum gewähren zu lassen (laisser faire) und jede von außen kommende Ein
mischung des Staates oder irgendeines anderen Beschützers zu verwerfen.
Während jedoch in der ersten Formel der Individualismus von allen angenommen
werden konnte, gibt er unter der letzteren Anlaß zu schwerwiegenden Einwürfen.
Denn in Wirklichkeit zeigen die Tatsachen, daß das Individuum sehr häufig in
seinen Handlungen, — sei es als Verbraucher, wenn es gesundheitsschädliche oder
nutzlos teuere Erzeugnisse kauft, sei es als Arbeiter, wenn es Arbeitsverträge ein
geht, die seine Arbeitskraft oder die seiner Kinder zugrunde richten — seine eigenen
Interessen sehr schlecht versteht oder sich in der Unmöglichkeit befindet, sie zu
verteidigen, und daß die Wissenschaft und die Hygiene ihm viel größere Dienste
leisten können als er sich selbst.
c) Wenn man noch weiter geht und nicht nur annehmen will, daß ein jedes
Individuum am besten fähig ist, sich mit seinen Interessen zu befassen, sondern
daß auch das soziale Interesse nur die Summe dieser individuellen
Interessen ist, die in einer harmonischen Einheit zusammenlaufen, so wird die
liberale Schule zur optimistischen. Besonders in Frankreich hat sie sich auf
Grund einer schon Jahrhunderte alten Überlieferung behauptet, aber sie ist etwas
veraltet, obgleich sie sich noch in neuzeitlichen Werken findet,
d) W enn man endlich von einer klassischenSchule spricht, so will man damit
sagen, daß sie getreulich die von den ersten Meistern der volkswirtschaftlichen Wissen
schaft übernommenen Prinzipien lehrt, indem sie sich bemüht, sie klarer auszuftthren, sie
zu entwickeln und sogar sie zu verbessern, ohne sie aber in ihren wesentlichen Be
standteilen zu verändern. Seit ihren Anfängen ist sie individualistisch und liberal,
aber keineswegs optimistisch: übrigens vermeidet sie diese finalistischen Gedanken
gänge und überhaupt jede Beschäftigung mit dem zu erreichenden Zweck, um sich
auf die reine Wissenschaft zu beschränken.