Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mil.  409

liehe  Genauigkeit,  die  es  bis  dahin  noch  nicht  besaß,  sondern  er  führt
auch,  indem  er  die  Beziehung  der  Ursache  und  Wirkung  durch  die
des  Gleichgewichtes  ersetzt,  ein  neues  Prinzip  in  die  Wissenschaft
ein,  das  bestimmt  war,  eine  große  Verbreitung  zu  erlangen.
Das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  erklärt  aber  nur
die  Wertschwankungen,  nicht  den  Wert  selbst.  Man  mußte  daher
eine  tieferliegende  Ursache  finden.  Diese  Ursache  liegt  in  den  Produktionskosten. ­
  Unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  streben
die  Wertschwankungen  stets  nach  diesem  festen  Punkte,  ebenso  wie
„der  Ozean  bestrebt  ist,  überall  sein  Niveau  einzunehmen,  es  aber
niemals  genau  innehält“  1 ).
Es  gibt  also  zwei  Arten  des  Wertes:  einen  vorübergehenden  und
schwankenden,  beherrscht  vom  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage, ­
  und  einen  ständigen  oder  natürlichen  oder  auch  normalen  Wert,
der  sich  nach  den  Produktionskosten  richtet.  Dies  war  das  klassische
Wertgesetz,  und  Stuart  Mill  war  davon  so  entzückt,  daß  er  den
Satz  schrieb,  der  unter  der  Feder  eines  so  scharfsinnigen  Philosophen
Staunen  erregen  muß:  „Glücklicherweise  bleibt  in  dem  Gesetz  des
Wertes  nichts  mehr  zu  erklären  übrig,  weder  jetzt  noch  später;  die
Theorie  ist  vollkommen“ 2 ).
Dasselbe  Gesetz,  das  den  Wert  der  Waren  regelt,  ist  auch  auf
das  Geld  anwendbar.  Auch  das  Geld  hat  einen  Marktwert,  der  von
der  auf  dem  Markte  im  Umlauf  befindlichen  Menge  und  den  Bedürfnissen ­
  des  Tausches  bestimmt  wird;  —  es  ist  das  die  berühmte
Quantitätstheorie  —  und  einen  natürlichen  Wert,  der  von  den
Produktionskosten  der  Edelmetalle  abhängt.
5.*  Das  Lolmgesetz,  Die  gleichen  Gesetze  regieren  auch  den
Preis  der  Arbeitskraft  oder  des  Lohnes.  Auch  er  gehorcht  einem
doppelten  Gesetze.
Der  Marktlohn  ward  vom  Angebot  und  der  Nachfrage  bestimmt, ­
  indem  man  unter  „Angebot“  die  Menge  des  zum  Unterhalt
der  Arbeiter  verfügbaren  Kapitals  versteht,  den  Lohnfonds  (wage
fund),  und  unter  „Nachfrage“  die  Anzahl  der  Arbeiter,  die  eine  Anstellung ­
  suchen 3 ).  Dieses  Gesetz  war  schon  von  Cobden  in  volkstümlicher ­
  Art  ausgedrückt  worden,  als  er  sagte,  daß  der  Lohn  steigt,
wenn  zwei  Arbeitgeber  einem  Arbeiter  nachlaufen,  und  daß  er  sinkt,
wenn  zwei  Arbeiter  einem  Arbeitgeber  nachlaufen.

b  Prinziples,  Bd.  I,  III,  Kap.  3,  §  1.
Ebenda,  Bd.  I,  III,  Kap.  1,  §  1..
3 )  Die  Löhne  hängen  von  dem  Verhältnis  ab,  das  zwischen  der  Anzahl  der
arbeitenden  Bevölkerung  und  irgendwelchen  auf  den  Ankauf  von  Arbeit  verwendeten
Kapitalien  besteht  .  .  .  und  unter  der  Herrschaft  der  Konkurrenz  können  sie  von
keiner  anderen  Ursache  berührt  werden“  (Principles,  Bd.  I,  II,  Kap.  11,  §  3  und  §  1).
            
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