Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule,  Stuart  Mül.  417

übrigens  das  Beiwort  „Schule“  energisch  zurückwies,  weil  sie  sich
uls  im  alleinigen  Besitz  der  wirtschaftlichen  Wissenschaft  betrachtete.
Man  muß  zugeben,  daß  diese  Doktrinen  ein  wohl  zusammengefügtes
Ganzes  bilden,  das  aufrecht  und  imponierend  dasteht.  Zugeben  muß
man  aber  auch,  daß  sie  nicht  viel  gutes  Voraussagen,  ausgenommen
für  die,  die  zufälligerweise  den  besitzenden  Klassen  angehören.  Belagen ­
  diese  Doktrinen  doch,  daß  die  Arbeit  dem  Arbeiter  nur  das
Existenzminimum  sichere,  oder  auf  jeden  Fall  doch  nur  einen  Lohn,
■der  von  Ursachen  bestimmt  wird,  auf  die  er  keinen  Einfluß  hat,  wie
z.  B.  der  größere  oder  geringere  Überfluß  an  Kapitalien,  oder  die
Bewegung  der  Bevölkerungskurve,  Ursachen,  auf  die  auch  die  Freiheit
•der  Assoziation  und  Koalition,  die  man  übrigens  höchst  gnädig  für  ihn
verlangt,  ohne  Einfluß  bleibt;  —  daß  der  Antagonismus  des  Profits
und  des  Lohnes  ein  feststehendes  Gesetz  sei  und  einen  unversöhnlichen ­
  Konflikt  Voraussage;  —  daß  der  Besitz  des  Bodens  ein  Monopol
sichere,  gegen  das  der  Freihandel  nur  eine  ganz  unbedeutende  Wirkung ­
  ausüben  kann;  —  daß  die  Rente,  nämlich,  das  Ergebnis  aller
günstigen  Chancen  des  Lebens,  die  denen  Vorbehalten  sind,  die  so
wie  so  schon  die  Mittel  haben,  ohne  sie  ein  behagliches  Leben  zu
führen,  einen  immer  größeren  Platz  in  den  Einkommen  einnehmen
werde;  —  daß  die  Zurückweisung  jeglicher  Einmischung  des  Staates
■oder  des  Gesetzgebers  zugunsten  der  Arbeiterklasse  mit  ihrer  Würde
•und  ihren  wirklichen  Interessen  nicht  vereinbar  sei.  —  Alles  dies
war  nicht  dazu  angetan,  im  Volke  besondere  Freude  hervorzurufen.
Wenn  die  Wissenschaft  auch  sicherlich  nur  das,  was  wahr  ist,  zu
suchen  hat,  und  nicht  das,  was  zusagt,  so  mußte  man  sich  doch
■darauf  gefaßt  machen,  daß  die  Menschen  mit  der  letzten  Verzweiflung
kämpfen  würden,  ehe  sie  Zugaben,  daß  all  diese  Lehrsätze  wirklich
bewiesene  Wahrheiten  seien.  Gerade  Stuart  Mill  hatte  so  kraftvoll
■dazu  beigetragen,  diese  Menge  von  Lehrsätzen  zu  einem  festen
Ganzen  zusammenzuschweißen  und  das  Gebäude  zu  krönen,  daß  Cossa
sagen  konnte,  seine  Prinzipien  seien  „die  beste  Zusammenstellung,
Vollendung  und  Darlegung  der  Doktrinen  der  klassischen  Schule  in
ihrer  genauesten  Form“').  Und  gerade  er  eröfl'nete  nun  in  den
folgenden  Ausgaben  seines  Buches  und  hauptsächlich  in  seinen  späteren
Schriften  neue  Ausblicke,  die  viele  von  denen  zum  Abfall  brachten,
die  der  klassischen  Schule  sonst  treu  geblieben  sein  würden,  und  sie
nach  dem  hin  orientierte,  was  man  liberalen  Sozialismus  nennen
könnte.
Wir  dürfen  wohl  ohne  Einseitigkeit  behaupten,  daß  die  eigentümliche ­
  Wandlung  Stuart  Mill’s  zum  großen  Teil  dem  Einfluß  der

')  Hi  stoi  re  des  dootrines  eoonomiques,  S.  338  der  franz.  Übers.
Ui  de  und  Eist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeiramgen.  27
            
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