Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Milk 425 
spränge weit vor Mill liegen, doch einer der für ihn bezeichnendsten 
Gedanken seines Werkes ist, in dem man sogar „am Ende allen 
Endes“ seine Lösung der sozialen Frage suchen muß. v 
Wie wir sahen, haben die Volkswirtschaft!er und besonders 
Eicaedo das Gesetz des allmählich sinkenden Profits, als eng mit 
dem Gesetz des sinkenden Bodenertrages verbunden gelehrt. Sie 
glaubten, daß es bis zu dem Punkte fortwirken würde, an dem die 
Verminderung des Profits so groß geworden sei, daß die Bildung- 
neuer Kapitalien verhindert würde 1 ). Stüaex Mill, der diese 
Theorie an dem Punkt, an dem sie sie verlassen hatten, wieder auf 
nimmt, kommt zu dem Schluß, daß die Industrie, da sie notwendiger 
weise von dem Kapital begrenzt wird, an dem Tage nicht mehr 
wachsen kann, an dem die Menge des Kapitals stationär geworden 
sein wird. Von dem Augenblick an wird es zu einer zwingenden 
Notwendigkeit, daß auch die Bevölkerung stationär werde, und so 
wird das ganze wirtschaftliche Leben zum Stillstand kommen. Aber 
— und dies ist es, was diesen Gedanken so bestechend macht, — 
wenn sich Stuaet Mill über diese Perspektive vom wirtschaftlichen 
Gesichtspunkt bestürzt zeigt, so erfüllt sie ihn vom moralischen 
') „Eine gewisse Höhe des Profits ist die notwendige Voraussetzung für jede 
Kapitalansaininlung, die die Gesamtsumme vermehrt. . . Wenn auch diese Minimalhöhe 
verschieden sein kann, und obgleich es unmöglich sein mag, ihre genaue Höhe in 
einem gegebenen Augenblick festzusetzen, so besteht doch dies Minimum stets. Sei 
es hoch oder niedrig, sobald es einmal erreicht worden ist, kann die Summe der 
Kapitalien nicht weiter steigen. Das Land hat den Zustand erreicht, den die Volks- 
Wirtschaftler den stationären Zustand nennen“ (Principles, Bd. II, SS. 275—276 
d. franz. Übers.). 
Stuart Mill gibt die Ursachen an, die das Fallen des Profit bestimmen, — 
wie auch die, die zeitweilig dieses Fallen verhindern; besonders Fortschritte in den 
Produktionsmethoden, und umgekehrt, Vernichtung von Kapitalien durch Kriege 
und Krisen. 
Es ist nicht unnötig, darauf hinzuweisen, daß das Wort Pr o fit bei den englischen 
klassischen Ökonomisten und besonders bei Stuart Mill nicht dieselbe Bedeutung 
hatte, wie bei den französischen Ökonomisten. Die letzteren haben seit J.-B. Say 
das Wort Profit angewendet, um besonders den Anteil des Unternehmers zu be 
zeichnen; den Anteil des passiven Kapitalisten nennen sie Zinsen (interet). Bei 
den englischen Volkswirtschaftlern wurde jedoch die Funktion des Unternehmers 
nicht von der des Kapitalisten unterschieden, weshalb das Wort Profit gleichzeitig 
zur Bezeichnung dessen, was in Frankreich Profit und was Zins hieß, gebraucht 
wurde. Hieraus ergibt sich folgendes: Während die Hedonisten unter den französischen 
Volkswirtschaftlern logisch nachweisen können, daß unter einer hypothetischen 
Herrschaft der vollkommen freien Konkurrenz der Profit auf Null sinken würde, können 
die englischen Volkswirtschaftler diese These nicht zugeben, weil für sie der Profit 
auch den Zins einschließt, der, so sehr er auch zurückgehen möge, als Entlohnung 
der Abstinenz notwendig bleibt. 
Übrigens ist es die französische Auslegung des Wortes Profit, die sich heute 
überall Bahn bricht.
	        
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