Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Milk 427
den Gleichmut, mit dem er die sozialen Ungerechtigkeiten betrachtet.
Er nimmt das laisser-faire, „nicht als Grundlage einer wissenschaft
lichen Doktrin . . ., sondern als die sicherste und praktischste
Lebeusregel“ an x ). Er verteidigt gegen Stüaet Mill das alte Ge
setz des Lohnfonds. — Einen Avirklich neuen Beitrag hat er nicht
geliefert, wenn man nicht eine Verbesserung des Konkurrenzgesetzes
so nennen will. — Er hat darauf hingetviesen, daß es weit davon
entfernt ist, die große Tragweite zu besitzen, die man ihm zuschrieb,
sondern sich nur zwischen Individuen, die ungefähr in gleicher Lage
sind, betätigt, nämlich daß seine Wirkung nur im Innern kleiner ge
schlossener Gruppen, aber nicht von einer dieser Gruppen auf die
andere in Erscheinung trete: er nennt dies die Theorie der „non
competing groups“ (nicht in Wettbewerb stehender Gruppen).
Hierdurch erklärt sich, daß die Ungleichheit der Profite und der
Löhne sich bis ins Unendliche aufrecht erhalten kann.
In Frankreich war Michel Chevalier der bekannteste Vertreter
der Nationalökonomie unter dem zweiten Kaiserreiche. Obgleich er
ein Schüler Saint-Simon’s war, fuhr er doch fort, am College de
France die klassische Lehre vorzutragen, die dort seine Vorgänger,
•I.-B. Say und Eossi, gelesen hatten 2 ). Er stritt gegen die Sozialisten
Ton 1848 und gegen die Schutzzöllner, hatte die Ehre, an der Be
siegung beider teil zu nehmen und führte mit Cobden die Ver
handlungen über den bekannten Handelsvertrag von 1860. Er begriff
die Bedeutung, die die Eisenbahnen erlangen sollten, wie auch die
des eben vollendeten Durchstiches des Isthmus von Suez (womit ein
Projekt Enfantin’s verwirklicht worden war), und die der großen
Kreditinstitute, die damals aufkamen 3 ). Obgleich er zur liberalen
Schule übergegangen war, vergaß er doch nicht, was der Saint-
Simonismus über die bedeutende Rolle der Autorität und des Staates
gelehrt hatte, und spornte die Regierung zu tätiger Beschäftigung
m it den Arbeiterfragen an, denen Napoleon III. von Natur zuneigte.
Alle diese Gebiete behandelte er mit Sachkenntnis und Beredsamkeit.
Zur gleichen Zeit veröffentlichte Couecelle-Seneuil eine Abhand
lung über Nationalökonomie, die lange Zeit hindurch als maßgebend
galt. Er war der Hüter der reinen Wissenschaft, die er Pluto-
l°gie nannte, um sie von der Ergonomie oder angewandten
*) Essays, S. 281.
2 ) Seit 1830 hat diese Professur nur vier Inhaber gehabt: J.-B. Say, Eossi,
Michel Chevalier, und jetzt dessen Schwiegersohn, Paul Leroy-Beaulieü. Sie stellt
ziemlich genau die Geschichte der französischen volkswirtschaftlichen Schule vor.
3 ) Das eigentümlichste seiner Bücher ist das 1859 unter dem Titel De la
baisse probable de l’or veröffentlichte Werk, das während der ganzen zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts eher lächerlich erschien, aber bald neue Bedeutung ge-
gewinnen könnte.