Ote Beziehung zu meiner Tochter ging ebenfalls von der Musik
aus. Line Neihe von Jahren war diese Beziehung überwiegend
künstlerisch, dann aber fanden unter den gefahren des Krieges sich
die jungen Seelen zusammen; sie lebten in der Hoffnung, bald
zu heiraten und ein eigenes Heim zu begründen. Line Vnzahl von
Konzerten haben die beiden gemeinsam gegeben, so z. B. in
Hannover und Bremen. Die dortigen Treunde wie die dortigen
Zeitungen waren entzückt von dem künsilerifchen Zusammenwirken,
das hier in gefang und Begleitung geboten wurde. Man hätte,
so meinten jene, in dem Künsilerifchen unmittelbar auch die
seelische Linheit des Zusammenklingens in wohltuender, ja er
greifender Meise erfahren. Nun kam der Tod des Mannes, der
durch die ganzen Kriegsjahre hindurch die lautersie und tapfersie
gesinnung bewiesen hatte; wir aber mustten uns damit begnügen,
fein Llndenken zu pflegen und feine Besiaktung in Jena in würdiger
Weife auszuführen. Das isi nur ein einzelner Tall von unzähligen
anderen, aber in ihm spiegelt sich «ein gemeinsames Schicksal: nie
hat ein Krieg fo tief in die persönlichen Verhältnisse eingegriffen, nie
so viel Lebensgedeihen geknickt.
Ls widerstrebt mir, den weiteren Tortgang des Krieges zu ver
folgen und dem kläglichenZufammenbruch der deutschen Macht und
des deutschen Willens nachzugehen. Vas war wohl der traurigste
Üugenblick der ganzen deutschen geschichte, als ein Teil des deut
schen Volkes sich selbst untreu wurde und alles gefühl für Scham
und Lhre ablegte. Schweigen wir lieber von diesen traurigen Vor
gängen, sie haben das deutsche Leben um weite Zeiten zurück
geworfen.
Erwägungen.
Q ^er Staatsmann must sich mit diesen Vorgängen unmittelbar
^-«/auseinandersetzen, der Philosoph kann nicht umhin, auf die
letzten gründe der Überzeugung zurückzugehen. Zunächst must er
zu dem uralten Problem einer sittlichen Ordnung der menschlichen
geschicke Stellung nehmen. Dast unsere äusteren geschicke nicht dem
inneren Verhalten entsprechen, dast glück und glückswürdigkeit oft
weit auseinandergehen, das ist eine alte Lrfahrung; aber wohl nie
ist diese Lrfahrung in so furchtbaren Zügen der Menschheit eingeprägt
worden, wie es jetzt geschehen ist. Nicht nur schien eine dunkle
Macht, ein blinder Zufall, über Leben und Wohlergehen Unzähliger
zu entscheiden, noch schlimmer war es, dast diese gewaltigen Kämpfe
keine sittliche Ordnung zeigten. Wir fanden eine erschütternde Bin
dung des Höheren an ein Niederes, eines Ldlen an ein gemeines,
eines Wesenhaften an ein Nichtiges. Mag der Mensch in feinem