Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

472 
Viertes Buch. Die Abtrünnigen. 
sich, ob es überhaupt möglich sei, das allgemeine Interesse einer 
Gesellschaft klar zu definieren, nämlich das zu verwirklichende wirt 
schaftliche Optimum, und infolgedessen a priori die Überlegenheit 
eines Systems über ein anderes zu behaupten. Er bemerkt mit Recht, 
daß das Problem unlösbar ist. Denn in der Tat wird die Produktion 
von der Nachfrage bestimmt. Diese wieder hängt von der vorher 
gegangenen Verteilung der Einkommen und den Geschmacksrichtungen 
der Verbraucher ab. Wie sollen wir nun imstande sein, mit Sicher 
heit die der Gesellschaft nützlichste Verteilung der Einkommen zu 
definieren ? — oder die für ihre Entwicklung günstigsten Geschmacks 
richtungen festzulegen? Das ist selbstverständlich unmöglich. Wie 
kann man daraus, daß die wirtschaftliche Freiheit die Nachfrage am 
besten zu befriedigen gestattet, schließen, daß sie die bestmögliche 
Wirtschaftsform darstelle? Einen Schritt weiter, und Coüenot würde 
den von Paeeto heute so klar formulierten Unterschied zwischen 
dem „Nützlichkeitsmaximum“, einem ungenauen und schwankenden 
Begriff, und dem „Ophelimitätsmaximum“ aufgestellt haben, dessen 
Erforschung „ein genau umrissenes Problem darstellt, das ausschließlich 
der Volkswirtschaft zugehört“ 1 ). 
Ergibt sich nun hieraus für Cournot, daß man sich in der 
Nationalökonomie jedes Urteils über Gut und Böse enthalten und 
auf jede Verbesserung verzichten soll? Durchaus nicht. Auch wenn 
man das absolut Beste nicht in einer Definition festlegen kann, so 
darf man hieraus nicht schließen, daß man nicht dazu gelangen 
könne, ein relativ Gutes klar herauszuarbeiten. „Wenn sich in irgend 
einem Teile des wirtschaftlichen Systems“, sagt Couenot, „eine Änderung 
vollzieht, die nicht darauf angelegt ist, eine Einwirkung auf den Rest 
des Systems auszuüben, und wenn sich diese Veränderung auf ver 
gleichbare Dinge erstreckt, so wird man einen Fortschritt, eine Ver 
besserung konstatieren können 2 ).“ Dieser Fortschritt beruht nicht 
notwendigerweise auf dem Einfluß des Privatinteresses. Wie Sismondi 
vor ihm, so führt auch er zahlreiche Fälle an, in denen dieses 
Interesse im Gegenteil im Widerspruch zu dem allgemeinen Interesse 
steht, und er weist besonders auf die hin, bei denen die Einmischung 
des Staates nützlich sein könnte. 
Alle diese Schriftsteller lassen daher in verschiedenen Abstufungen 
die Einmischung des Staates in die wirtschaftlichen Verhältnisse zu. 
Immerhin bleibt in ihren Augen die Freiheit das grundlegende Prinzip 
aller Wirtschaftspolitik. Sismondi begnügt sich damit, nur schüchtern 
Wünsche zu formulieren, so groß erscheinen ihm die Schwierigkeiten 
einer wirklichen Einmischung. Stuart Mill will, daß in jedem ein 
*) Pareto, Cours d’eeonomie politiqne, 1897, Bd. II, § 656. 
2 ) Coüenot, Principes S. 422.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.