Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Der  Marxismus.

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c)  Der  marxistische  Sozialismus  unterscheidet  sich  yon  den
früheren  sozialistischen  Richtungen  dadurch,  daß  er  ausschließlich
Sozialismus  der  Arbeiterklasse  sein  will.  Dieser  Zug  gibt  ihm  sein
besonderes  Gepräge,  und  in  ihm  liegt  seine  Stärke.  Nur  so  läßt  sich
verstehen,  daß  er  seine  ganze  Anziehungskraft  bewahrt  hat  und  unter
immer  neuen  Formen  auflebt,  —  trotzdem  von  den  Theorien  seines
Begründers  nicht  mehr  viel  aufrecht  steht,  wie  wir  noch  sehen
werden,  —  während  alle  anderen  sozialistischen  Systeme  in  Mißkredit
geraten  und  in  nichts  zerronnen  sind.
Die  Sozialisten  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  umfaßten
in  weitherziger  Humanität  alle  Menschen,  ohne  Unterschied  zwischen
Arbeitern  und  Bürgern.  Wie  wir  gesehen  haben,  rechneten  Owen,
Saint-Simon  und  Foueieb  sogar  auf  die  Reichen,  auf  die  besitzenden
Klassen,  um  die  Gesellschaft  der  Zukunft  zu  gründen.  Nichts  dergleichen ­
  aber  gilt  für  den  Marxismus.  Mit  der  äußersten  Heftigkeit
verwirft  er  jedes  Einverständnis  und  sogar  jedes  zeitweilige  Übereinkommen ­
  mit  der  Bourgeoisie,  worunter  er  nicht  nur  die  Kapitalisten,
sondern  auch  die  Intellektuellen*)  und  „den  ganzen  Oberbau  der
Schichten  versteht,  die  heute  die  offizielle  Gesellschaft  darstellen“.
Für  ihn  ist  der  wirkliche  Sozialismus  nichts  anderes,  als  die  Gesamtheit ­
  der  Interessen  der  Arbeiterklasse,  und  seine  vollständige  Verwirklichung ­
  ist  nur  dadurch  möglich,  daß  sie  endgültig  zur  Macht  gelangt.
Zweifellos  kann  man  sagen,  daß  zu  jeder  Zeit  der  Sozialismus
nur  die  Anklage  der  Armen  gegen  die  Reichen  gewesen  ist,  aber
diese  Anklage  hatte  auf  dem  Boden  der  ausgleichenden  Gerechtigkeit ­
  begonnen  und  mußte  infolgedessen  unentschieden  bleiben.  Mit
dem  Marxismus  wird  dieser  Antagonismus  zu  einem  wissenschaftlichen ­
  Gesetz  unter  dem  Namen  Klassenkampf  erhoben  —  Arbeiterklasse ­
  gegen  Kapitalistenklasse,  was  nicht  dasselbe  ist,  wie  Arme
gegen  Reiche,  denn  es  handelt  sich  hier  nicht  um  einen  qualitativen,
sondern  um  einen  konstitutiven  Unterschied.  Klassenkampf!  ein
Feldgeschrei,  das  nicht  wenig  zum  Erfolg  des  Marxismus  beigetragen
hat,  denn  auch  die,  die  kein  Wort  von  seinen  Theorien  verstehen
(also  ungefähr  die  Gesamtheit  der  Arbeiterklasse),  können  diese
Formel  nicht  vergessen;  sie  genügt,  den  Dampf  stets  unter  Druck
zu  halten.
’)  Kommunistisches  Manifest.  Man  beabsichtigt  nicht,  die  Intellektuellen
ganz  zum  Verschwinden  zu  bringen,  sondern  sie  in  die  Kolle  von  Lohnempfängern
hinabzudrücken.  „In  der  marxistischen  Auffassung  wird  die  Revolution  von  den
Produzenten  (was  sicherlich  die  nur  mit  der  Hand  Arbeitenden  heißen  soll)  gemacht, ­
  die,  an  die  Ordnung  der  Werkstatt  in  der  Großindustrie  gewöhnt,  die  Intellektuellen ­
  als  einfache  Angestellte  verwenden  werden,  deren  Aufgabe  die  Erfüllung ­
  möglichst  wenig  zahlreicher  Arbeiten  sein  wird“  (Sobel,  Decomposition
du  Marxisme,  S.  51).
            
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