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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
c) in der Wiederaufnahme der These von der Endkatastrophe,
nicht mehr unter der Form einer kapitalistischen Krise, sondern
unter der des Generalstreiks. Gegen diese Taktik sind alle
Generäle und alle Bajonette der bürgerlichen Klasse ohnmächtig.
Was soll gegen die Arbeiter geschehen, die, um das ganze soziale
Leben zum Stillstand zu bringen, nur die Arme zu kreuzen brauchen
und gerade dadurch beweisen können, daß nur die Arbeit der Schöpfer
alles Reichtums ist? Und auch wenn man annimmt, daß der Gene
ralstreik sich niemals verwirklichen könne — man scheint in dieser
Hinsicht ziemlich skeptisch zu sein, — so wird der Begriff doch Als
machtvoller Ansporn, als Mythus, sagt G. Soeel, seinen Einfluß nicht
verfehlen, ähnlich wie das Erwarten des Millenniums bei den Christen
der ersten Jahrhunderte.
Dieses Wort „Mythus“ hat einen glänzenden Erfolg gehabt.
Weniger allerdings bei den Syndikalisten selbst, denen es sehr wenig
behagte, aber bei den Intellektuellen. Denn reizt es nicht zu einem
Lächeln, wenn man darauf hinweist, daß diese Auffassung eines aus
schließlichen Arbeitersozialismus, der nicht nur antikapitalistisch,
sondern ganz ausgesprochen antiintellektuell ist, und der „jedes
bürgerliche Entgegenkommen mit der äußersten Brutalität beant
worten soll“, einzig und allein von einer Gruppe Intellektueller
stammt, deren Geist aufs schärfste geschliffen ist, und die sich zu
der BEEGsox’schen Philosophie bekennen 1 )?
Ein Mythus! —- Mag das sein; doch sich von einem Mythus leiten
lassen, ist ungefähr dasselbe, wie, gleich den drei Königen aus dem
Morgenlande, dem Sterne folgen, oder wie Israel der Rauch- und Feuer
säule, die es ins gelobte Land führte. Und mit dieser Hoffnung und
diesem der Ecclesia militans et triumphans der ersten Jahrhunderte
entlehnten Glauben, mit dieser ganzen Auffassung, die ein leiden
schaftlicher, fast heroischer Atem beseelt, wie fern sind wir doch dem
historischen Materialismus, und wie nahe jenem Utopismus, den Marx
verhöhnte, und den er dem französischen Sozialismus so schneidend vor
warf! Gesteht doch Soeel selbst, daß „es selten einen Mythus gegeben
hat, der von jeder utopistischen Beimischung durchaus frei war“ 2 ).
*) Diese Gruppe wird von der Zeitschrift Le Mouvement Socialiste, die
Lagardblle leitet, vertreten. Übrigens hat sich Sorel davon zurückgezogen und kämpft
jetzt für den „katholischen Nationalismus“, (die Liga des „Nationalisme catholique“).
Die vor kurzem über den Syndikalismus veröffentlichten Untersuchungen sind sehr
zahlreich; wir haben schon auf La Philosophie Syndicaliste von Guy Grand
hin gewiesen.
2 ) Eeflexions sur la violenoe, S. XXXV. Es muff jedoch erwähnt werden,
daß Soeel gegen jede Verwechslung zwischen Utopie und Mythe protestiert; nach seiner
Ansicht würde die letztere diese Überlegenheit haben, „daß sie nicht widerlegbar ist“, da
sie nur der Ausdruck einer Überzeugung sei. Siehe auch S. 218 desselben Werkes.