Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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Diese Schulen unterscheiden sich aber nicht minder vom Sozia
lismus, selbst wenn sie ihn in der Heftigkeit ihrer Anathemata gegen den
Kapitalismus und die bestehende wirtschaftliche Ordnung übertreffen.
Der Unterschied liegt darin, daß sie nicht, wie er, glauben, es genüge,
die wirtschaftlichen Bedingungen und das Milieu zu ändern, um eine
neue Gesellschaft zu schaffen, — nein, zur gleichen Zeit muß auch
das Individuum geändert werden. Denen, die ihn fragten, wann das
Reich Gottes kommen werde, antwortete Christus: „Das Reich Gottes
kommt nicht mit äußerlichen Gebärden . . . Das Reich Gottes ist
inwendig in Euch“ 1 ), womit er sagen wollte, daß die soziale Ge
rechtigkeit erst herrschen werde, wenn sie zuvor in den Herzen ver
wirklicht sein wird. Der christliche Sozialismus darf daher nicht mit
der Auffassung der freiheitlichen Sozialisten oder sogar der Assozialisten
verwechselt werden, da diese glauben, der Mensch sei von Natur gut und
nur durch die Zivilisation verderbt, und ebensowenig mit dem marxisti
schen Kollektivismus, der als Grundlage den historischen Materialismus
und den Klassenkampf hat. Und wenn auch einige der christlichen
Schulen bereit sind, mit dem Staatssozialismus sympathisch zusammen zu
arbeiten, so kommt doch die zwingende Einmischung der Staatsgewalt
bei ihnen erst an zweiter Stelle, da für sie die familienmäßige,
die korporative oder die kooperative Assoziation an erster Stelle
stehen. Wie könnte dies auch anders sein, da jede Kirche, schon
auf Grund der Bedeutung des Wortes, eine Assoziation ist. Vor
allen anderen ist dies die römisch-katholische Kirche, und was man
auch sonst über sie denken möge, sie ist jedenfalls die großartigste
und die am festesten zusammengefügte Assoziation, die jemals unter
den Menschen bestanden hat, da sie durch die Bande einer Solidarität,
die sogar das Grab nicht lösen kann, die Ecclesia militans hier unten
und die Ecclesia triumphans dort oben, hier die Lebenden umfaßt,
die für die Toten beten, und dort oben die Heiligen, die für die
Sünder eintreten.
Vom Gesichtspunkte ihrer Gesellschaftskonstruktion aus aber
entziehen sich diese Schulen jeder Klassifizierung. Man kann freilich
sagen, daß sie alle eine Gesellschaft erstreben, in der alle Menschen
als Söhne des gleichen himmlischen Vaters 3 ) Brüder sein werden. Aber
(Social Evolution von Kinn) überträgt der Verfasser die darwinistische Theorie
ins Christliche. Nach ihm sind der Kampf ums Leben und die natürliche Auswahl
Wohl Triebfedern des Fortschrittes. Aber der Kampf und die Auswahl vollziehen
sich zwischen denen, die bereit sind, ihre individuellen Interessen dem Interesse der
Allgemeinheit zu opfern, und die Religion ist die einzige zwingende Gewalt, die ein
derartiges Opfer auferlegen kann.
*) Luk. Evgl. 17. 20—21.
2 ) Nicht ein Christlich-Sozialer, sondern der Gründer des Positivismus, Auguste
Comte, hat gesagt: „Die ursprüngliche Gleichheit der Menschen ist nicht eine auf