Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

es  gibt  viele  unterschiedliche  Arten,  diese  brüderliche  Gleichheit  zu
verstehen.  Auch  kann  man  sagen,  daß  sie  alle,  wie  schon  die  Kanoniker ­
  des  Mittelalters  taten,  von  dem  gerechten  Preise  und  von  dem
gerechten  Lohne  sprechen,  womit  gesagt  werden  soll,  daß  sie  sich
weigern,  zuzugeben,  die  Arbeit  des  Menschen  sei  nur  eine  Ware,  die
dem  Spiel  des  Gesetzes  von  Angebot  nnd  Nachfrage  überliefert  ist;
sie  sehen  in  der  menschlichen  Arbeit  etwas  heiliges:  und  schon  das
römische  Recht  gab  nicht  zu,  daß  die  Res  saerae  Gegenstände  des
Handels  werden  dürften.  Sobald  es  sich  aber  darum  handelt,  ein
Programm  aufzustellen,  trennen  sich  die  Wege.  Denn  wenn  in  der
Heiligen  Schrift  die  Stellen  über  die  wirtschaftlichen  und  sozialen
Fragen  zahlreich  genug  sind,  so  sind  sie  auch  allgemein  genug,  um
den  verschiedensten  Lehren  als  Stützpunkte  dienen  zu  können.
Vielleicht  wird  man  denken,  daß  es  nicht  recht  lohne,  diesen
Doktrinen  ein  besonderes  Kapitel  zu  widmen,  einmal  wegen  ihres
mehr  moralischen  als  wirtschaftlichen  Charakters,  und  dann,  weil  wir
hier  nicht,  wie  in  den  vorhergehenden  Kapiteln,  die  Namen  bedeutender ­
  Meister  finden,  die  die  Wissenschaft  mit  selbständigen
Beiträgen  bereichert  haben  —,  abgesehen  von  Le  Play,  der  aber
doch  nur  in  recht  loser  Verbindung  mit  dieser  Schule  steht.  Es  gibt
jedoch  große  Gedankenströmungen,  die  an  fast  keine  Namen  gebunden ­
  sind:  die  Bedeutung  einer  Lehre  soll  sich  auch  weniger  aus
dem  Ruhm  ihrer  Urheber  als  aus  ihrem  Einfluß  auf  die  Gemüter  ergeben; ­
  und  es  kann  nicht  geleugnet  werden,  daß  die  christlich-sozialen
Ideen  einen  wirklichen  und  tiefgehenden  Einfluß  auf  eine  bedeutend
größere  Anzahl  von  Gläubigen  ausgeübt  haben,  als  die  eines  Foueiee,
eines  Saint-Simon  oder  eines  Peoudhon,  und  mit  der  Entwicklung
von  wirtschaftlichen  Einrichtungen  von  großer  Tragweite  in  Verbindung ­
  stehen,  wie  z.  B.  mit  dem  Versuch  der  Wiederaufrichtung  der
Zünfte  in  Österreich,  den  landwirtschaftlichen  Darlehenskassen  in
Deutschland  und  in  Frankreich,  den  kooperativen  Gesellschaften  in
England,  den  Vereinen  gegen  den  Mißbrauch  des  Alkohols,  dem  Kampf
um  die  Sonntagsruhe  usw.
Auch  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  die  Männer,  die  man  als
die  Urheber  der  Arbeiterschutzgesetzgebung  und  Wohlfahrtseinrichtung ­
  des  ersten  Viertels  des  19.  Jahrhunderts  ansehen  kann,  Loed
Shaftesbuey  in  England,  Pfarrer  Obeelin  (Elsässer,  Anm.  d.  Übers.)
und  der  Industrielle  Daniel  Lbgeand  in  Frankreich  schon  Christlich-Soziale
  waren.

Beobachtung  beruhende  Tatsache  .  .  .  Klar  ist  sie  zum  ersten  Male  vom  Christentum
behauptet  worden“  (Traite  de  Politique,  Bd.  I,  S.  407).
            
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