Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
559
Von ihr hängt der soziale Friede noch viel unmittelbarer ab. Der
soziale Friede ist der Hauptgegenstand der sozialen Wissenschaft 1 ).
Dieser Ausdruck kehrt beständig in den Schriften Le Play’s und
seiner Schüler wieder, und die von ihnen gegründeten Gesellschaften
nennen sich „Unions de la paix sociale“.
Der erste Versuch einer sozialökonomischen Ausstellung im Jahre
1867, der Le Play zu verdanken war (wie übrigens der ganze be
wunderungswürdige Plan der Anlage dieser Ausstellung), bezweckte,
die Einrichtungen zu belohnen, die bestimmt waren, „die gute Har
monie zwischen Personen, die an den gleichen Arbeiten zusammen
tätig sind“, zu entwickeln. Man kann sagen, daß die ganze Be
wegung der Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, die im Jahre 1850 in
Mühlhausen mit Dolleus durch das berühmte Wort: „der Arbeit
geber schuldet dem Arbeiter mehr als den Lohn“ eingeleitet wurde,
auf dem Geiste Le Play’s beruht 2 ). Es ist dies das sog. „System
des guten Arbeitgebers“. Natürlicherweise stellte sich der Apostel
der Wahl-Erbfolge-Familie auch die Fabrik als eine Familie vor,
die, nach dem Vorbild der Familie, sich durch Stabilität, Beständig
keit der Anstellung s ), geregelte Anordnung und Autorität eines frei
willig respektierten Hauptes charakterisiert.
Diese für Le Play so bezeichnende These, daß das Heil der
Arbeiterklasse nur von oben kommen kann, scheint noch weniger be
gründet, als die entgegengesetzte des Syndikalismus, der behauptet, daß
das Heil nur von der Arbeiterklasse selbst kommen kann. Schon im
voraus ist sie durch den schönen Satz Stuaet Mill’s 4 ) widerlegt:
„Man kann keine Zeit anführen, in der die oberen Klassen eine
Rolle gespielt haben, die mit der, welche ihnen diese Theorie zuweist,
auch nur entfernt übereinstimmte. Stets haben sie sich ihrer Macht
zur Förderung ihrer selbstsüchtigen Zwecke bedient ... Ich will
nicht behaupten, daß das, was gewesen ist, immer sein muß ...
*) „Der Zweck der Tätigkeit der menschlichen Gesellschaften ist weniger die
Entwicklung der Eeichtiimer an und für sich, als die Erlangung von Wohlstand für
die Menschen. Der Wohlstand bedeutet das tägliche Brot, aber er besteht nicht
außerhalb des sozialen Friedens“ (Claudio Jannbt, Quatre Ecoles d’Economie
Sociale. 1890).
2 ) Man muß jedoch sagen, daß dies damals die herrschenden Ideen waren.
Schon 1840 schrieb Millerm*: in seinem berühmten Tableau de l’etat moral et
Physique des ouvriers; ,.Diese wohlverstandene Bevormundung von Seiten des
Arbeitgebers kann am wirksamsten zur Besserung der Lage und der Moral der
Arbeiter beitragen“ (II, S. 372).
3 ) Man bekommt eine Idee von der Bedeutung, die Le Play der Beständigkeit
der Dienstverträge beimaß, wenn man erfährt, daß ihm aus diesem Grunde die Ab
Schaffung der Sklaverei ein gewisses Bedauern verursachte! (Reforme Sociale
Kap. 65, X).