Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

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Von  ihr  hängt  der  soziale  Friede  noch  viel  unmittelbarer  ab.  Der
soziale  Friede  ist  der  Hauptgegenstand  der  sozialen  Wissenschaft 1 ).
Dieser  Ausdruck  kehrt  beständig  in  den  Schriften  Le  Play’s  und
seiner  Schüler  wieder,  und  die  von  ihnen  gegründeten  Gesellschaften
nennen  sich  „Unions  de  la  paix  sociale“.
Der  erste  Versuch  einer  sozialökonomischen  Ausstellung  im  Jahre
1867,  der  Le  Play  zu  verdanken  war  (wie  übrigens  der  ganze  bewunderungswürdige ­
  Plan  der  Anlage  dieser  Ausstellung),  bezweckte,
die  Einrichtungen  zu  belohnen,  die  bestimmt  waren,  „die  gute  Harmonie ­
  zwischen  Personen,  die  an  den  gleichen  Arbeiten  zusammen
tätig  sind“,  zu  entwickeln.  Man  kann  sagen,  daß  die  ganze  Bewegung ­
  der  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen,  die  im  Jahre  1850  in
Mühlhausen  mit  Dolleus  durch  das  berühmte  Wort:  „der  Arbeitgeber ­
  schuldet  dem  Arbeiter  mehr  als  den  Lohn“  eingeleitet  wurde,
auf  dem  Geiste  Le  Play’s  beruht 2 ).  Es  ist  dies  das  sog.  „System
des  guten  Arbeitgebers“.  Natürlicherweise  stellte  sich  der  Apostel
der  Wahl-Erbfolge-Familie  auch  die  Fabrik  als  eine  Familie  vor,
die,  nach  dem  Vorbild  der  Familie,  sich  durch  Stabilität,  Beständigkeit ­
  der  Anstellung s ),  geregelte  Anordnung  und  Autorität  eines  freiwillig ­
  respektierten  Hauptes  charakterisiert.
Diese  für  Le  Play  so  bezeichnende  These,  daß  das  Heil  der
Arbeiterklasse  nur  von  oben  kommen  kann,  scheint  noch  weniger  begründet, ­
  als  die  entgegengesetzte  des  Syndikalismus,  der  behauptet,  daß
das  Heil  nur  von  der  Arbeiterklasse  selbst  kommen  kann.  Schon  im
voraus  ist  sie  durch  den  schönen  Satz  Stuaet  Mill’s 4 )  widerlegt:
„Man  kann  keine  Zeit  anführen,  in  der  die  oberen  Klassen  eine
Rolle  gespielt  haben,  die  mit  der,  welche  ihnen  diese  Theorie  zuweist,
auch  nur  entfernt  übereinstimmte.  Stets  haben  sie  sich  ihrer  Macht
zur  Förderung  ihrer  selbstsüchtigen  Zwecke  bedient  ...  Ich  will
nicht  behaupten,  daß  das,  was  gewesen  ist,  immer  sein  muß  ...
*)  „Der  Zweck  der  Tätigkeit  der  menschlichen  Gesellschaften  ist  weniger  die
Entwicklung  der  Eeichtiimer  an  und  für  sich,  als  die  Erlangung  von  Wohlstand  für
die  Menschen.  Der  Wohlstand  bedeutet  das  tägliche  Brot,  aber  er  besteht  nicht
außerhalb  des  sozialen  Friedens“  (Claudio  Jannbt,  Quatre  Ecoles  d’Economie
Sociale.  1890).
2 )  Man  muß  jedoch  sagen,  daß  dies  damals  die  herrschenden  Ideen  waren.
Schon  1840  schrieb  Millerm*:  in  seinem  berühmten  Tableau  de  l’etat  moral  et
Physique  des  ouvriers;  ,.Diese  wohlverstandene  Bevormundung  von  Seiten  des
Arbeitgebers  kann  am  wirksamsten  zur  Besserung  der  Lage  und  der  Moral  der
Arbeiter  beitragen“  (II,  S.  372).
3 )  Man  bekommt  eine  Idee  von  der  Bedeutung,  die  Le  Play  der  Beständigkeit
der  Dienstverträge  beimaß,  wenn  man  erfährt,  daß  ihm  aus  diesem  Grunde  die  Ab
Schaffung  der  Sklaverei  ein  gewisses  Bedauern  verursachte!  (Reforme  Sociale
Kap.  65,  X).
            
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