Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Auch  in  der  Schweiz  entfaltet  sich  die  Bewegung  kräftig  und
hat  sogar  ihre  fortgeschrittendsten  Führer  in  der  Person  des  Professor
Ragaz  und  der  Pastoren  Kutter  *)  und  Pflüger  (der  seitdem  Abgeordneter ­
  geworden  ist)  gefunden.
Ebenso  gibt  es  in  Frankreich  eine  und  sogar  mehrere  protestantisch-soziale ­
  Richtungen.  Da  sie  aber  nur  einen  kleinen
Bruchteil  des  Protestantismus  umfassen,  der  selbst  nur  eine  ganz
kleine  Minorität  im  Lande  vorstellt,  so  kann  ihr  Einfluß  nicht  beträchtlich ­
  sein:  doch  findet  man  ihn  auf  dem  Grunde  oder  an  der
Spitze  der  verschiedenen  sozialen  Bewegungen,  wie  z.  B.  im  Kampfe
gegen  den  Alkoholismus  und  die  Pornographie,  im  Wiedererwachen
des  Kooperativismus  und  in  der  Schaffung  der  Volkshäuser,  die
Solidarites  genannt  werden.  Eine  „Gesellschaft  zum  praktischen
Studium  der  sozialen  Fragen“  (Association  pour  l’etude  pratique  des
questions  sociales)  wurde  1887  von  Pastor  Gouth  gegründet.  Ihr
Vorsitzender  und  geistiger  Führer  war  Pastor  Tomy  Fallot  *  2  3  *  *  *  * ).  Sie
hält  sich  in  recht  gemäßigten  Grenzen  und  geht  nicht  über  den
Kooperativismus  als  Aktionsmittel  und  über  den  Solidarismus  als
Doktrin  hinaus 8 ).  Diese  neue  Lehre  von  der  Solidarität  —  obgleich
sie  mehr  radikalen  Ursprungs  und,  wie  wir  später  sehen  werden,
eher  eine  Antithese  zu  dem  Geiste  der  Nächstenliebe  ist  —  wurde
vom  sozialen  Protestantismus  mit  Enthusiasmus  aufgenommen.  Er
hat  sie  auch  sogleich  für  sein  geistiges  Eigentum  erklärt  und  beklagt ­
  sich,  daß  man  sie  ihm  genommen  habe,  denn,  sagt  er,  wo  findet
man  das  Gesetz  der  Solidarität  energischer  ausgedrückt  als  in  dem
doppelten  christlichen  Dogma  von  dem  Sündenfall  und  der  Erlösung
—  alle  Menschen  durch  den  Fall  eines  einzigen;  Adam  —  verloren

*)  Ein  Buch  des  Pastor  Kutter,  „Sie  müssen“  (ins  Franz,  übersetzt  unter
dem  Titel  „Dieu  les  mene“)  erregte  großes  Aufsehen,  Der  Verfasser  sucht  nachzuweisen, ­
  daß  die  Sozialisten  heute  die  wirklichen  und  einzigen  Nachfolger  Christi
sind,  der  von  der  Kirche  verleugnet  wird.
2 )  Ihr  Präsident  ist  seit  20  Jahren  de  Boyve,  der  Führer  der  kooperativen  Bewegung ­
  in  Frankreich.  Hierdurch  tritt  die  Verwandtschaft  der  beiden  Bewegungen
zutage,  die  beide  aus  der  Schule  von  Nimes  stammen.
Sie  hält  periodische  Kongresse  ab  und  ihr  Organ  ist  die  Zeitschrift  Le  Christianisme
  Social.
3 )  Der  Mann,  der  der  Begründer  dieser  Bewegung  war,  Pastor  Tomy  Faluot,
bezeichnete  den  zu  befolgenden  Weg,  indem  er  sagte:  „Der  Schwerpunkt  liegt  in  der
Durchführung  des  vollkommenen  Typus,  der  Kooperation  heißt  ...  Br  stellt  heute
schon  die  Prophezeiung  besserer  Zeiten  dar“  (L’aotion  Bonne).  Es  ist  das  dieselbe
Formel,  wie  die  des  Engländers  Maurice  (siehe  oben  S.  574  Anm.  2).
„Wir  sind  christlich-sozial,  weil  wir  Solidaristen  sind.  Indem  wir  die  Solidarität
suchten,  haben  wir  den  Messias  und  sein  Reich  gefunden  .  .  .  „Solidarität“  ist  das
Wort  des  Laien,  „Reich  Gottes“  das  Wort  des  Christen;  beide  bezeichnen  dasselbe“
(Gounelle,  L’Avant-Garde,  1907).
            
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