Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

582

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Doch  beschränkt  er  sich  auf  die  Kritik  und  legt  kein  Programm
sozialer  Reformen  vor,  —  ausgenommen  das  der  Reform  des  inneren
Wesens,  und  hierin  nähert  er  sich  stark  der  christlichen  Schule 1 ).
Ruskin  hat  dagegen  ein  ganzes  Programm  sozialer  Erneuerung
aufgestellt,  das  wie  folgt  zusammen  gefaßt  werden  kann *  1  2  3  *  *  * );
1.  Obligatorische  Handarbeit  für  Alle.  —  Ruskin  verfehlt  nicht
auf  die  Worte  Pauli  hinzuweisen:  qui  non  laborat  non  manducet.
  Weshalb  das?  Weil  es  widersinnig  und  unmoralisch  ist,
daß  ein  Mensch  im  Müßiggang  leben  kann,  indem  er  die  Dienste
seinesgleichen  mit  ererbtem  Oelde  bezahlt:  „mit  seinem  Leben  muß  man
zahlen“,  oder  mit  anderen  Worten:  ein  jeder  muß  die  heutige  Arbeit
mit  heutiger  Arbeit  bezahlen,  denn  es  ist  widersinnig,  daß  man
leben  könne  auf  Grund  toter  Arbeit,  —  doch  muß  diese  Arbeit
eine  wirklich  menschliche  Arbeit  sein,  die  durch  den  Verzicht  auf
den  Gebrauch  von  Maschinen  geadelt  ist.  Ausgenommen  jedoch  sind
die  Maschinen,  die  der  Wind  oder  das  Wasser  oder  die  elementaren
Kräfte  in  Bewegung  setzen,  da  sie  im  Gegensatz  zu  der  Kohle  nicht
beschmutzen  sondern  reinigen.
Ruskin  will,  daß  jede  Arbeit  künstlerisch  werde,  und  daß  der  Name
Handwerker  wieder  gleichbedeutend  mit  Künstler  werde  wie  im  Mittelalter
  (so  sagt  man,  aber  vielleicht  verallgemeinert  man  ein  wenig).
In  der  Praxis  ist  das  nicht  sehr  leicht  durchzuführen.  Einige  Schüler
Ruskin’s  haben  sich  der  Herstellung  künstlerischer  Einbände  von
Luxusbüchern  gewidmet;  der  Absatz  ist  aber  ziemlich  beschränkt.
Tolstoi  dagegen  erstrebt  nicht  die  künstlerische  Arbeit,  sondern
die  ländliche  Arbeit,  die  er  majestätisch  „Brotarbeit“  nennt,  und
die  ihm  auch  ohne  jede  Verschönerung  als  edel  genug  erscheint.
2.  Gesicherte  Arbeit  für  alle,  worin  die  Ergänzung  und  die  Verbesserung ­
  der  vorhergehenden  Regel  liegt,  —  nämlich,  wenn  es  keine
Müßiggänger  geben  soll,  so  soll  es  auch  keine  Arbeitslosen  geben.
In  der  heutigen  Gesellschaft  ist  die  Arbeit  nicht  obligatorisch:  für
eine  große  Anzahl  von  Menschen  ist  es  aber  die  Arbeitslosigkeit 8 )!
Gesetze  zuzusehen!  Ohne  uns  gerade  den  Selbstmord  zu  empfehlen,  nimmt  sie  dann  mit
diesen  Worten  gleichmütig  von  uns  Abschied“  (Caelyle,  Chartism).
1 )  „Wenn  du  darauf  bestehst,  wissen  zu  wollen,  was  zu  tun  ist?  —  so  laß
mich  dir  antworten:  jetzt  fast  nichts  ...  Du  mußt  auf  den  Grund  deines  Wesens
hinabsteigen;  vielleicht  findest  du  dort  noch  den  letzten  Rest  einer  Seele.  Daun
werden  uns  nicht  nur  eine  einzelne  Tat,  sondern,  wenn  auch  mehr  oder  weniger
trübe,  und  unbestimmt,  unzählbare  Legionen  von  Taten  entgegentreten,  die  getan
werden  können.  Tue  zuerst  das  Erste“  (Fast  and  Present,  Einleitung,  Kap.  IV).
2 )  Siehe  besonders  Fors  Clavigera.
3 )  „Es  gibt  auf  dieser  Welt  nicht  einen  Arbeiter  auf  vier  Füßen,  der  nicht
Arbeit  fände,  und  mehr  als  ihm  lieb  ist!  Wenn  es  sich  aber  um  den  Arbeiter  auf
zwei  Füßen  handelt,  wird  ihm  gesagt:  das  ist  unmöglich“  (Carlylb,  ebenda,
Kap.  III  und  auch  Chartism,  Kap.  IV).
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.