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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Doch beschränkt er sich auf die Kritik und legt kein Programm
sozialer Reformen vor, — ausgenommen das der Reform des inneren
Wesens, und hierin nähert er sich stark der christlichen Schule 1 ).
Ruskin hat dagegen ein ganzes Programm sozialer Erneuerung
aufgestellt, das wie folgt zusammen gefaßt werden kann * 1 2 3 * * * );
1. Obligatorische Handarbeit für Alle. — Ruskin verfehlt nicht
auf die Worte Pauli hinzuweisen: qui non laborat non man-
ducet. Weshalb das? Weil es widersinnig und unmoralisch ist,
daß ein Mensch im Müßiggang leben kann, indem er die Dienste
seinesgleichen mit ererbtem Oelde bezahlt: „mit seinem Leben muß man
zahlen“, oder mit anderen Worten: ein jeder muß die heutige Arbeit
mit heutiger Arbeit bezahlen, denn es ist widersinnig, daß man
leben könne auf Grund toter Arbeit, — doch muß diese Arbeit
eine wirklich menschliche Arbeit sein, die durch den Verzicht auf
den Gebrauch von Maschinen geadelt ist. Ausgenommen jedoch sind
die Maschinen, die der Wind oder das Wasser oder die elementaren
Kräfte in Bewegung setzen, da sie im Gegensatz zu der Kohle nicht
beschmutzen sondern reinigen.
Ruskin will, daß jede Arbeit künstlerisch werde, und daß der Name
Handwerker wieder gleichbedeutend mit Künstler werde wie im Mittel-
alter (so sagt man, aber vielleicht verallgemeinert man ein wenig).
In der Praxis ist das nicht sehr leicht durchzuführen. Einige Schüler
Ruskin’s haben sich der Herstellung künstlerischer Einbände von
Luxusbüchern gewidmet; der Absatz ist aber ziemlich beschränkt.
Tolstoi dagegen erstrebt nicht die künstlerische Arbeit, sondern
die ländliche Arbeit, die er majestätisch „Brotarbeit“ nennt, und
die ihm auch ohne jede Verschönerung als edel genug erscheint.
2. Gesicherte Arbeit für alle, worin die Ergänzung und die Ver
besserung der vorhergehenden Regel liegt, — nämlich, wenn es keine
Müßiggänger geben soll, so soll es auch keine Arbeitslosen geben.
In der heutigen Gesellschaft ist die Arbeit nicht obligatorisch: für
eine große Anzahl von Menschen ist es aber die Arbeitslosigkeit 8 )!
Gesetze zuzusehen! Ohne uns gerade den Selbstmord zu empfehlen, nimmt sie dann mit
diesen Worten gleichmütig von uns Abschied“ (Caelyle, Chartism).
1 ) „Wenn du darauf bestehst, wissen zu wollen, was zu tun ist? — so laß
mich dir antworten: jetzt fast nichts ... Du mußt auf den Grund deines Wesens
hinabsteigen; vielleicht findest du dort noch den letzten Rest einer Seele. Daun
werden uns nicht nur eine einzelne Tat, sondern, wenn auch mehr oder weniger
trübe, und unbestimmt, unzählbare Legionen von Taten entgegentreten, die getan
werden können. Tue zuerst das Erste“ (Fast and Present, Einleitung, Kap. IV).
2 ) Siehe besonders Fors Clavigera.
3 ) „Es gibt auf dieser Welt nicht einen Arbeiter auf vier Füßen, der nicht
Arbeit fände, und mehr als ihm lieb ist! Wenn es sich aber um den Arbeiter auf
zwei Füßen handelt, wird ihm gesagt: das ist unmöglich“ (Carlylb, ebenda,
Kap. III und auch Chartism, Kap. IV).