Kapitel I. Die Hedonisten.
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taire oder anarchistische Tendenz, die schon in der Internationale
zu spüren ist, beginnt immer sichtbarer ihre Herrschaft über die
Arbeiterklassen auszuüben — und hat den letzten gewerkschaftlichen
Bewegungen in Frankreich und Italien ihren Stempel aufgedrückt.
Zur gleichen Zeit tritt bei vielen Schriftstellern der Bourgeoisie eine
Art philosophischer und moralischer Anarchismus zutage, der ebenfalls
die Erneuerung des Individualismus anzukündigen scheint.
4. Gegenüber diesen Wandlungen des Individualismus und des
Sozialismus unterliegt auch die zwischen beiden stehende Lehre, die
wir im vorhergehenden Buch unter, dem Namen Staatssozialismus
studiert haben, einer Umwandlung. Sie wird, wenigstens in Frankreich,
zum Solidarismus, der sich gleichzeitig bemüht, die Einmischung
des Staates zu rechtfertigen, indem er sie auf neue Grundlagen stellt,
und sie doch auf ihre rechten Grenzen zu beschränken. Er versucht
auf diese Weise die Synthese des Individualismus und des Sozia
lismus herzustellen.
Dies sind die großen Strömungen, die wir in den folgenden
Kapiteln zu beschreiben versuchen werden. Indem wir sie unter dem
Namen ,Lehren der neuesten Zeit 1 zusammenfassen, haben wir damit
weniger die Zeit ihrer Entstehung (die oft ziemlich weit zurückliegt)
bezeichnen wollen, als das Bestreben, die älteren Lehren, deren Aus
druck sie sind, mit neuem Leben zu erfüllen. Vielleicht hätten wir,
— indem wir einem anderen wissenschaftlichen Bereich eine bekannter
gewordene Bezeichnung entlehnten — sie als „modernistische“ Lehren
betiteln sollen, wenn es uns nicht verwegen erschienen wäre, unter
einem allzu bezeichnenden Ausdruck so verschiedenartige Auffassungen
zusammen zu fassen, die untereinander nur durch ein chronologisches
Band verbunden sind.
Kapitel I.
Die Hedonisten.
§ 1. Die Pseudo-Renaissance der klassischen Schule.
Um dieser neuen Doktrin ihren richtigen Platz anzuweisen, muß
man auf das Kapitel über die historische Schule zurückgreifen. Wir
haben gesehen, wie diese Schule die klassische Richtung kritisiert
hatte, indem sie sich hauptsächlich auf den Gesichtspunkt der Methode
stellte, den Glauben an angeblich beständige und allgemeingültige,