Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. 
brancher darstellt. Es handelt sich niemals darum, das Brot zu 
kaufen, sondern Brote. Die Nützlichkeit des Brotes im all 
gemeinen ist mir gleichgültig; wie sollte ich sie übrigens auch 
messen? Was mich interessiert, ist allein der Nutzen des Brotes, 
das ich brauche. Diese einfache Verschiebung des Gesichts 
punktes gestattet sofort, die Dunkelheit zu zerstreuen, in die sich 
die klassische Schule verirrt hatte *). 
1. Warum ist zunächst die Wertidee von der der Seltenheit un 
trennbar? Weil der Nutzen jeder Einheit von der Stärke des be 
stehenden und unmittelbaren Bedürfnisses, das sie befriedigen soll, 
abhängt — und folglich auch, weil sie von der schon im Besitz 
befindlichen Menge bestimmt wird, da es ein gleichzeitig physio 
logisches und psychologisches Gesetz ist, daß jedes Bedürfnis be 
grenzt ist, und folglich auch, daß jedes Bedürfnis mit der erlangten 
Befriedigung auf einen Nullpunkt herabsinkt, der Sättigung genannt 
wird. Über diesen Punkt hinaus kann es sogar negativ werden 
und sich in Widerwillen verwandeln 1 2 ). Ein Gegenstand irgend 
welcher Art kann daher nur nützlich sein, wenn er nicht im Überfluß 
vorhanden ist. 
Solange man sich an den Begriff der Nützlichkeit en bloc, in 
genere hielt, bemerkte man nicht das notwendige Band zwischen 
Nützlichkeit und Seltenheit. Man sah wohl, daß jede Erklärung des 
Wertes hinkte, die sich nur auf den einen oder den anderen der beiden 
Begriffe stützte, wußte aber nicht weshalb. Von nun an springt die 
feste Verbindung beider in die Augen. Die Nützlichkeit erscheint 
1 ) „Der Gedanke des Grenznutzens ist der: Sesam, öffne dich!, die Formel, 
die den Schlüssel zu den verwickeltsten Vorgängen des wirtschaftlichen Lebens gibt 
und gestattet, die unentwirrbarsten Probleme der Wissenschaft zu lösen“ (Böhm- 
Bawbkk, The Austrian Economists, Annals of the American Academy 
of political and social Science, 1891). 
2 ) Condillao hatte diese Tatsache schon sehr richtig bemerkt (siehe oben 
S. 56) und vor ihm hatte Büffon gesagt: daß „der Taler des Armen, der zur 
Bezahlung eines unbedingt notwendigen Gegenstandes dient, und der Taler, der dem 
Geldsack der Finanzherrn als letzter zugefügt wird, in den Augen des Mathematikers 
zwei Einheiten gleicher Ordnung sind, aber im moralischen ist der eine ein 
Goldstück, während der andere nicht einen Pfennig wert ist“ 
(Essai d’arithmetique morale). 
Dieses Verbindungssystem zwischen Menge und Bedarf kann durch eine Kurve 
ausgedrückt werden, in der Art, daß es eine Nützliohkeitskurve, wie eine Kurve 
der Nachfrage gibt (siehe weiter unten S. 605). Um sie einzutragen, genügt es, auf 
einer Horizontalen die verbrauchten Mengen 1, 2, 3, 4 usw. anzumerken und auf 
jedem dieser Punkte eine Vertikale zu errichten, die die Stärke des Begehrs, die 
zu jeder dieser Mengen gehört, proportional ausdrlickt. Man wird diese Vertikalen 
(Ordinaten) mehr oder weniger schnell an Höhe abnehmen sehen, je nachdem die 
Menge steigt, — um zum Schluß auf Null zu sinken.
	        
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