Kapitel I. Die Hedonisten.
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als eine Funktion der Menge, und der Grad der Nützlichkeit ist ge
rade das, was man Wert nennt.
2. Ebenso wie der Begriff des Grenznutzens das Problem löste,
das den Volkswirtschaftlern so viel zu schaffen gemacht hatte, wes
halb nämlich Wasser weniger wert sei als ein Diamant, löst es auch
ein anderes, das sie seit den Zeiten der Physiokraten nicht weniger
Kopfzerbrechen gekostet hatte: wie ist es möglich, daß der Austausch,
der nach seinem Begriff selbst den gleichen Wert der ausgetauschten
Gegenstände einschließt, jedem der beiden Teile Gewinn bringen
kann? — Des Eätsels Lösung lautet wie folgt: im Austausch kommt
es nur auf den Grenznutzen an, keineswegs auf die Total
nutzen. Wo soll man nun die für den Austausch wesentliche
Gleichwertigkeit suchen? Sie liegt für jeden der beiden Austauschen
den im Gleichgewicht zwischen dem letzten erworbenen und dem
letzten hingegebenen Teil.
Stellen wir uns zwei Händler im Kongogebiet vor: Primus hat
Salz und Secundus Eeis. Sie wollen tauschen. Zu welchem Preise?
Das wissen sie noch nicht. Sie tasten. Primus gibt einige Salz
körner und erhält dafür einige Handvoll Eeis. Er vergleicht durch
einen Blick die beiden Haufen, die sich bilden und allmählich größer
werden. In dem Maße aber, wie der Haufen Eeis zunimmt, stellt
jede neue Handvoll, die dazu kommt, einen abnehmenden Nutzen vor,
denn er wird bald genug für seine Bedürfnisse haben. Im Gegenteil
jedoch, so wie der Haufen Salz größer wird, stellt jedes Salzkorn,
das er hingibt, für ihn einen steigenden Nutzen vor, denn er weiß,
daß ihm bald nicht mehr genug für seine Bedürfnisse übrig bleiben
wird. Da nun mit jeder ausgetauschten Handvoll der Nutzen der
hingegebenen Einheit steigt und der Nutzen der erworbenen Einheit
sinkt, so ist es selbstverständlich, daß in einem gegebenen Augen
blicke beide gleich sein werden. In diesem Augenblicke nun wird
Primus innehalten. Der Austausch wird sich auf Grund des Ver
hältnisses der beiden Haufen vollziehen, das auch den Preis be
stimmt. Selbstverständlich wird in diesem Augenblick der erworbene
Haufen Eeis für Primus einen bedeutend höheren Totalnutzen vor
stellen, als der hingegebene Haufen Salz.
Man wird nun einwerfen, daß es sich nicht allein um Primus
handelt, und daß es darauf ankommt, zu wissen, ob auch Secundus
bereit sein wird, im gleichen Augenblick innezuhalten! Das ist
nicht wahrscheinlich; sollte er sich entschlossen haben, mit dem
Tausch aufzuhören, ehe die gegebene Menge Eeis genügend ist, um
Primus zu befriedigen, so ist es klar, daß der Tausch nicht zustande
kommen wird. Es muß daher angenommen werden, daß ein jeder
der beiden Tauschenden geneigt ist, die Grenze, die der andere sich
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