Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Hellenisten.

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eine  jede  sehr  verschiedene  Bedürfnisse  befriedigen  kann.  Warum
hat  daher  in  diesem  Fall  ein  Brot  keinen  anderen  Wert  für  einen
verhungernden  Armen  als  für  einen  satten  Reichen,  oder  sogar  für
mich  selbst  keinen  anderen  Wert,  wenn  ich  hungrig,  als  wenn  ich
satt  bin?  —  Einfach  deshalb,  weil  die  Annahme  widersinnig  sein
würde,  daß  identische  und  vertretbare  Güter  verschiedene  Tauschwerte
auf  demselben  Markte  haben  können  und  dies  in  noch  höherem  Maß
für  die  gleiche  Person.  Dieses  Gesetz  des  Einheitspreises 1 )
beruht  selbst  wieder  auf  einem  anderen  Gesetz,  dem  die  psychologische
Schule  mit  Recht  eine  sehr  große  Bedeutung  beimißt,  und  das  eines
seiner  bedeutendsten  wissenschaftlichen  Errungenschaften  ist,  das
Gesetz  der  Substitution.  Es  bedeutet,  daß  jedesmal,  wenn
zur  Befriedigung  irgendeines  Bedürfnisses  ein  Gut  durch  ein  anderes
ersetzt  werden  kann,  das  ersetzte  nicht  mehr  wert  sein  kann,  als
das  ersetzende 1  2 ).
Was  ist  nun  eine  Substitution?  —  Ein  wenigstens  möglicher,
wenn  auch  nicht  stets  ausgeführter  Austausch.  Nun  schließt  aber
jeder  Austausch  die  Gleichheit  der  Werte  ein.
Wenn  es  nun  eine  ganze  Reihe  von  Gütern  gibt,  die  einander
substituiert  werden  können,  so  kann  keins  mehr  Wert  haben,  als
dasjenige  der  ganzen  Reihe,  das  den  geringsten  Wert  vorstellt.
Dies  ist  der  Grund,  weshalb,  wenn  jeder  Mensch  100  Gläser
Wasser  zu  seiner  Verfügung  haben  kann  —  was  fast  stets  der  Fall
ist,  außer  in  der  Sahara  —,  keins  dieser  Gläser,  und  nicht  einmal
das,  für  welches  ich,  wenn  ich  ganz  verdurstet  bin,  sein  Gewicht  in
Gold  geben  würde,  mehr  als  das  hundertste  Glas  wert  ist,  nämlich
nichts.  Dies  hundertste  ist  immer  da,  stets  bereit,  irgendeines  der
anderen  zu  ersetzen.
Vielleicht  das  beste  Mittel,  sich  eine  klare  Vorstellung  des  Grenznutzens ­
  zu  machen,  besteht  darin,  niemals  direkt  die  Nützlichkeit  des
Gegenstandes,  den  man  bewerten  will,  ins  Auge  zu  fassen,  sondern
nur  die  des  Gegenstandes,  der  seine  Stelle  einnehmen  kann 3 ).  Dann

1 )  Stanley  Jbvons  gibt  ihm  einen  recht  ausdrucksvollen  Namen:  Das  Gesetz
der  Indifferenz,  was  besagen  will,  das  zwei  Gegenstände,  mögen  sie  auch  zwei
111  ihrer  Stärke  höchst  ungleichen  Begierden  entsprechen,  doch  nicht  verschiedene
Werte  haben  können,  wenn  wir  unterschiedslos  zwischen  ihnen  wählen  können.
2 )  Das  Gesetz  der  Substitution  tritt  nicht  nur  in  Erscheinung,  wenn  es  sich
um  verschiedene  Gegenstände  handelt,  die  geeignet  sind,  das  gleiche  Bedürfnis  zu
befriedigen,  sondern  oft  auch,  wenn  es  sich  um  Dinge  handelt,  die  verschiedenen
Bedürfnissen  entgegenkommen,  soweit  diese  Bedürfnisse  selbst  eins  durch  das  andere
ersetzt  werden  können:  Wein  kann  durch  Tee,  Tee  durch  Kaffee,  das  Leben  in
einem  Schloß  durch  Reisen  und  Badeaufenthalte  ersetzt  werden,  usw.
3 )  „Der  Nutzen  der  unwichtigsten  Einheit,  die  an  Stelle  der,  die  wir  entbehren,
treten  kann,  wird  von  uns  mit  Greuznutzen  bezeichnet“  (Böhm  -  Bawesk  ,  The
            
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