Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen.
621
die Eeutentheorie Eicaejdo’s zu erschüttern. Sicherlich forderte diese
Theorie zur Kritik heraus, aber ihre Gegner gingen in ihrer Wider
legung soweit, daß sie sogar die Tatsache des Bodenwertes an und
für sich leugneten.
Diese Übertreibung wuirde recht drastisch durch eine der charak
teristischsten Tatsachen des 19. Jahrhunderts widerlegt: durch das
Steigen der Bodenpreise in den großen Städten. Das vergangene
Jahrhundert war das Jahrhundert der Großstädte. Kein anderer
Zeitabschnitt weist eine gleiche Blüte der städtischen Mittelpunkte
auf. England, die Vereinigten Staaten, Deutschland und in ge
ringerem Grade auch Frankreich haben an dieser Entwicklung teil.
Diese rapide Zusammenhäufung der Bevölkerung auf beschränktem
Raume hat als Folge gehabt, dem Boden unerhörte Mehrwerte zu
geben. In Chicago ist die Geschichte jenes viertel Ackers berühmt,
der 1830 für 20 Dollar gekauft wurde, damals, als die Bevölkerung
noch nicht 50 Einwohner überschritt, und 1836 25000 Dollar
wert war, um nach der Weltausstellung von 1894 den Preis von
1250000 Dollar zu erzielen. In London schätzt man die Steigerung
der an die Grundbesitzer gezahlten Pachtsummen auf 7 700000 Pfund
Sterling für den Zeitraum von 1870—1895 und zwar nur für die Miete
des nackten Bodens. Der Hyde Park, der 1652 von dem Unterhaus
für 425000 Fr. gekauft worden war, stellt heute einen Wert von
über 200 Millionen Fr. dar. In Paris führt d’Avenel ein dem Kranken
hause „Hotel-Dieu“ gehörendes Gelände an, das 1775 6,40 Fr. für
den Quadratmeter kostete und heute 1000 Fr. der Quadratmeter wert
ist *); Lbboy-Beaulxeu erwähnt ein im Stadtteil des Are de Triomphe
gelegenes Stück Land, dessen Wert von 1881—1904, also in 23 Jahren
von 400 auf 800 Fr. der Quadratmeter gestiegen ist 2 ). Es sind dies
vereinzelte, wenn auch sehr bezeichnende Beispiele einer allgemeinen
und unbestreitbaren Tatsache.
Carey und Bastiat haben daher auch nur eine geringe Anzahl
von Bekehrungen bewirkt. Die große Menge der Volkswirtschaft! er
ist entweder der Auffassung Ricaedo’s treu geblieben oder hat sich
bemüht, sie zu vertiefen und zu entwickeln, ohne aber ein mit dem
Boden verbundenes Einkommen zu leugnen. Es ergibt sich daraus
eine doppelte und höchst merkwürdige Entwicklung der Theorie der
Bodenrente.
Einesteils entdeckte man nach und nach eine ganze Reihe diffe
rentieller Einkommen, ganz von der Art der Bodenrente, — und das
*) Wir entlehnen diese Mitteilungen der sehr gehaltvollen Broschüre Einaudi’s;
Pa municipalisation du sol dans les grandes villes, 1898 (Giard und
Bbi6hb, Paris), Auszug aus dem Devenir Social.
2 ) P. Lbroy-Bbaulieo, L’art de placer et gerer sa fortune, S. 31,