622
Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
geht, nach dem Ausdruck eines großen zeitgenössischen National
ökonomen, so weit, „daß sie (die Bodenrente) nicht mehr als eine
Einzeltatsache, sondern als die Hanptspezies eines sehr verbreiteten
Genus erscheint“ 1 ). Auf der anderen Seite (und diese zweite Ent
wicklung ist vielleicht noch merkwürdiger als die erste) sehen die
modernen Theoretiker in ihr nur eine normale Folge des regel
mäßigen Verlaufs der Wertgesetze, während bei Eicaedo die Boden
rente als eine wirtschaftliche Anomalie erscheint, die auf be
stimmten Umständen beruht (ungleicher Fruchtbarkeit der Felder
und dem Gesetz des sinkenden Bodenertrages). Daher fjigen sich
die Bodenrente und andere gleichartige Eenten in die allgemeine
Preistheorie ein, und die von den Klassikern so mühsam aufgebaute
Theorie der Eente verflüchtigt sich sozusagen, und wird überflüssig.
Nachdem sie während des ganzen 19. Jahrhunderts eine so große
Eolle gespielt hat, wird sie vielleicht in wenigen Jahren nur noch eine
historische Merkwürdigkeit sein.
Diese doppelte Entwicklung der Lehre beruht auf der gleich
zeitigen Tätigkeit einer großen Anzahl von Forschern. Es ist schwierig,
einen regelmäßigen Fortschritt von einem zum anderen aufzuzeigen.
Wir werden daher die Entwicklung an und für sich darstellen und
uns darauf beschränken, die Namen der Gelehrten, die dazu bei ge
tragen haben, an entsprechender Stelle anzuführen. Wir werden
uns aber so viel wie möglich auf ihre Texte stützen * 2 ).
a) Zunächst, sagten wir, hat man sehr bald neben dem Einkommen
der Grundbesitzer eine Eeihe anderer differentieller, ihm ganz gleicher
Einkommen bemerkt. Dieselbe Menge, oder wie die Engländer sagen,
dieselbe „Dosis“ an Kapital und Arbeit, die auf verschiedenen Feldern
sich betätigt, bringt verschiedene Einkünfte ein. Eicaedo sah die
Ursache dafür in einer dem Boden allein eigentümlichen Er
scheinung: dem sinkenden Ertrage und der ungleichen Fruchtbarkeit
der Felder, wie auch ihrer ungleichen Entfernung vom Markte. Die
Landwirtschaft ist nun durchaus nicht der einzige Bereich, in dem
man eine ungleiche Produktivität des Kapitals und der Arbeit fest
stellen kann.
Zunächst befinden sich die Bergwerke, die Salinen und die
‘) Marshall, Principles, Vorwort der 1. Ausg.
2 ) Man findet gute Darstellungen der Entwicklung, die wir hier kurz darstellen,
in einem schon älteren Werk: Versuch einer kritischen Dogmenge
schichte der Grundrente, von Eduard Bebens (Leipzig 1868, 399 Seiten),
besonders aber in La theorie de la rente et son extension recente von
Paul Früzculs (Montpellier 1908, 318 Seiten) und in den sehr interessanten Auf
sätzen von Schumpeter: Das Eentenprinzip in der Verteilungslehre, die
in Schmollbr’s Jahrbuch 1907, S. 31 und 591 erschienen sind.