40 Erstes Buch. Die Begründer.
punkt der parlamentarischen Regierungsform war, für die Physio-
kraten keinen Sinn hatte, da wie wir sehen werden, Steuern für sie
nur das Recht eines Miteigentums des Herrschers, ein Domänen
einkommen ist, das nichts mit dem Willen des Volkes zu tun hat.
Man kann sich zuerst vor Staunen nicht fassen, wenn man dies
liest, und wenn man bedenkt, daß es aus der Feder eines zukünftigen
Präsidenten der „Constituante“ kommt! Wie soll man diesen wenigstens
scheinbaren Widerspruch erklären? diese Despotismusanbetung bei
diesen Aposteln des „laisser faire“?
Der Grund liegt darin, daß die Physiokraten darunter etwas
ganz anderes verstanden als die landläufige Bedeutung des Wortes.
Für sie ist es nicht gleichbedeutend mit Tyrannei, sondern mit dem
Gegenteil. Für sie war es nicht einmal das, was man später die
Regierung des „aufgeklärten Despoten“ genannt hat, der durch die
Größe seines Genies die Menschen gegen ihren Willen glücklich
macht. Der Despotismus der Physiokraten ist kein anderer, als der
der natürlichen Ordnung, der gegenüber kein vernünftiger Mensch
etwas anderes tun kann, als sich ihr zu unterwerfen. Ihr Despotismus
gleicht in allen Stücken dem der Wahrheit, die sich selbst durchsetzt*).
Dieser Despotismus ist daher weit von dem Grundsatz der
absoluten Macht der alten Juristen entfernt; sicut Principi placuit,
legis habet vigorem * 2 ). Sie leugnen durchaus den Gedanken, daß der
Wille des Fürsten Gesetz sei, aber es ist zu bemerken, daß sie nicht
weniger energisch leugnen, daß der Wille des Volkes Gesetz sei 3 )
und hierin sind sie ebenso weit von dem modernen Demokratismus
entfernt, wie vom monarchischen Absolutismus.
Selbstverständlich verkörpert sich dieser Despotismus der natür
lichen Ordnung in einer Person, derjenigen des Herrschers, des Königs,
') „Der persönliche Despotismus ist mir der gesetzliche Despotismus gemäß den
Tatsachen einer natürlichen Ordnung, — In dem gesetzlichen Despotismus schreiben
die Befehle der Tatsachen die Anordnungen des Herrschers vor. Euklides ist ein
wirklicher Despot, und die geometrischen Wahrheiten, die er uns überliefert hat, sind
wahrhaft despotische Gesetze; ihr gesetzlicher Despotismus und der persönliche
Despotismus dieses Gesetzgebers ist eins, ein Despotismus der unwiderstehlichen
Kraft der Tatsachen“ (Mercibr de la EmikRB, S. 460, 471).
Zum Schluß ist dieser Despotismus derselbe, den Auguste Comte späterhin
meinte, als er sagte: „Es gibt keine Gewissensfreiheit in der Geometrie.“
2 ) Quesnay schreibt in einem Brief an Mihabeaü: Dieser Despotismus ist im
Gegenteil der „Anker des Heils gegenüber dem Mißbrauch der Gewalt“.
a ) „Es ist ein nichtswürdiger Unsinn,“ sagt Baudeaü, „denn damit kann ein
Majoritätsbeschluß den Vatermord gesetzlich rechtfertigen.“
Es ist kaum nötig, darauf hinzuweisen, wie sehr diese Auffassung vom Staat
sich von der unterscheidet und sogar der widerspricht, die späterhin die Inter
ventionisten und Sozialisten aufstellten, nach der es die Pflicht des Staates ist, die
Ungerechtigkeiten der Naturgesetze nach Kräften zu beseitigen.