Kapitel IV. Die Anarchisten.
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sprechen, und mehrere, wie z. B. Keopotkin und Recltjs, zeichnen
sich durch hohen Adel des Geistes und des Charakters aus.
Die Ideen Bakünin’s haben sich in dem gleichen intellektuellen
Milieu wie die Stienbr’s gebildet x ). Bakunin gehörte einer adligen
russischen Familie an und wurde Offizier. 1834, 20 Jahre alt, reichte
er seinen Abschied ein und widmete sich dem Studium der Philo
sophie. Wie Stibnee, Pboüdhon und Marx unterlag auch er
dem damals allgemein herrschenden Einfluß Hegel’s. 1840 begab
er sich nach Berlin, wo er sich vier Jahre hindurch an der geistigen
Bewegung der jungen Radikalen, von der wir oben gesprochen haben,
beteiligte. Von 1844 bis 1847 finden wir ihn in Paris, wo er oft
ganze Nächte in Diskussionen mit Peoudhon zubringt. Der Einfluß
dieses letzteren auf Bakunin ist sehr tief gewesen. In den Schriften
des russischen Anarchisten könnte man oft nachweisen, daß er nur die
Ideen Peoudhon’s entwickelt, die dieser in irgend einem seiner Werke
ausgeführt hatte, wie z. B. die Allgemeine Idee der Revo
lution im 19. Jahrhundert. Das Jahr 1848 zeigte diesem großen
Herrn, der sich bis dahin nur als Dilettant betätigt hatte, seinen
wirklichen Beruf, den des Revolutionärs. Nacheinander nimmt er
an der Erhebung in Prag und an der sächsischen Revolution in
Dresden teil. Verhaftet und zweimal zum Tode verurteilt, in Sachsen
und in Österreich, wird er an Rußland ausgeliefert und in der Peter-
Paulsfestung eingekerkert, in der er infolge Skorbut fast alle seine
Zähne verliert. Seit 1857 nach Sibirien verbannt, gelingt es ihm,
1861 zu flüchten; er begibt sich nach London, von wo aus er eine
unermüdliche revolutionäre Propaganda in der Schweiz, in Italien
und auch in Frankreich führt. Während des Krieges 1870/71 ver
sucht er, in Lyon einen Volksaufstand zu erregen. Beenaed Lazaee
beschreibt ihn uns als „einen behaarten Riesen, mit gewaltigem
Kopf, der durch ein Gestrüpp von Haaren und einen ungepflegten
Bart noch größer erscheint“, der sich gestiefelt und gespornt zu Bette
l ) Über Bakunin, vgl. seine Biographie, die von seinem Freunde James Guillaüme
dem 2. Bande seiner Werke vorangestellt worden ist, wie auch die, die Dhago-
manoep Michael Baknnin’s sozial-politischem Briefwechsel mit
Herzen und Ogajoff (Stuttgart, 1895), vorausschickt. Eine ausführliche Bio
graphie, die aber unveröffentlicht geblieben ist, wurde von Nettlau geschrieben.
Wie es scheint, befindet sich eine Abschrift in der Bibliotheque nationale. (Vgl. den
Aufsatz von Lagahdelle über Bakunin in der Revue politique et parla-
mentaire von 1909.) Die Werke Bakunin’s sind in französischer Sprache ((Bu vre s
de Bakounine (in fünf Bänden, der erste 1895, die anderen 1907, 1908, 1909 und
1912 in Paris, im Verlag von Stock erschienen. — Gewisse Schriften, darunter die
Statuts de l’Alliance internationale de la democratie socialiste sind
in dieser Ausgabe nicht enthalten; wir entlehnen den Text den Anhängen, die sich
am Ende des oben erwähnten Briefwechsels von Deagomanoit befinden.