720
Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
denen zusammen zu arbeiten, auf deren Wort man sich nicht ver
lassen kann 1 ). „Wenn jemand zugrunde gehen will, so steht ihm
das frei, aber wenn er leben will, kann er dies nur tun, indem er
Genossen findet * 2 3 ).“
Ein anderer, noch schwerer wiegender Einwurf ist der folgende.
Wer wird ohne jeden Zwang überhaupt arbeiten wollen? Schon
heute ist die Menge der Faulen ungeheuer. Wird sie ohne den An
sporn der Notwendigkeit nicht noch weiter anwachsen? Keopotkin
selbst hat bemerkt, daß bei den Bienen im Falle „ungewöhnlich
reicher Vorräte, ... wie z. B. in der Nähe der Zuckerpflanzungen
Westindiens und der Zuckerfabriken Europas Räuberei, Trägheit und
sehr oft Trunksucht ganz gewöhnlich werden“ 8 ). Werden die
Menschen nicht ebenso wie die Bienen handeln?
Die Anarchisten antworten, daß zunächst viele der sog. Faulen
heute nur einfach in die Irre gegangene Menschen sind, denen die
unbegrenzte Freiheit der zukünftigen Gesellschaft gestatten wird,
ihren Weg zu finden, und die sie infolgedessen zu nützlichen Arbeitern
umformen wird 4 ). — Aber noch besser! Wenn heute so viele
Menschen sich der Arbeit zu entziehen bemüht sind, so liegt das
daran, daß unsere Gesellschaften sie in der härtesten und wider
wärtigsten Weise organisiert haben. 10 oder 12 Stunden täg
lich in einer oft ungesunden Fabrik arbeiten zu müssen, an eine
monotone und erschöpfende Arbeit gefesselt zu sein und als Gegen
wart für diese Arbeit einen elenden Lohn zu erhalten, der kaum
genügt, die Familie zu ernähren, das ist wahrlich keine genügend
reizvolle Aussicht, um jemanden für die Arbeit zu begeistern! Die
Arbeit produktiv und gleichzeitig anziehend zu gestalten 5 * * ), das eben
wird das wichtigste Ergebnis, wie der FouEiEu’schen Phalansterien,
0 Kbopotkin, La Conquöte du Pain, S. 202.
s ) Jean Guave, op. cit. S. 297. Pboudhon ist viel strenger: „Wenn du dem
Vertrage zuschwörst . . ., wirst du der Gesellschaft freier Menschen zugehören . . ■
Im Pall einer Vertragsverletzung von ihrer Seite oder von der deinen, . . . seid
Ihr für einander verantwortlich; . . . diese Verantwortlichkeit kann ... die Aus
schließung, ja den Tod bedeuten“ (Idee generale usw,, S. 343).
3 ) Kbopotkin, Gegenseitige Hilfe, S. 16.
4 ) „Unserer Meinung nach gibt es im genauen Sinne des Wortes keine
wirklichen Faulenzer. Es gibt nur Individuen, deren Fähigkeiten sich nicht frei
haben entwickeln können, die die soziale Organisation daran gehindert hat, für ihre
Tätigkeit eine normale Dichtung zu finden . . . Schafft eine Gesellschaft, in der
die Individuen ihre Beschäftigung wählen können, und ihr werdet die Faulsten sich
nützlich machen sehen.“ Jean Ge ave, La Societe future, S. 277—278. In dem
gleichen Sinne: Kbopotkin, LaConquöte duPain, Kap: Objections (Einwürfe).
5 ) Kbopotkin, Autour d’une vie, S. 414, und La Conquete du Pain,
S. 156. Die Anarchisten sind aber nicht für eine allgemeine Einführung von Phalan
sterien zu haben und ziehen das individuelle Familienleben vor.