Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

denen  zusammen  zu  arbeiten,  auf  deren  Wort  man  sich  nicht  verlassen ­
  kann 1 ).  „Wenn  jemand  zugrunde  gehen  will,  so  steht  ihm
das  frei,  aber  wenn  er  leben  will,  kann  er  dies  nur  tun,  indem  er
Genossen  findet *  2  3 ).“
Ein  anderer,  noch  schwerer  wiegender  Einwurf  ist  der  folgende.
Wer  wird  ohne  jeden  Zwang  überhaupt  arbeiten  wollen?  Schon
heute  ist  die  Menge  der  Faulen  ungeheuer.  Wird  sie  ohne  den  Ansporn ­
  der  Notwendigkeit  nicht  noch  weiter  anwachsen?  Keopotkin
selbst  hat  bemerkt,  daß  bei  den  Bienen  im  Falle  „ungewöhnlich
reicher  Vorräte,  ...  wie  z.  B.  in  der  Nähe  der  Zuckerpflanzungen
Westindiens  und  der  Zuckerfabriken  Europas  Räuberei,  Trägheit  und
sehr  oft  Trunksucht  ganz  gewöhnlich  werden“ 8 ).  Werden  die
Menschen  nicht  ebenso  wie  die  Bienen  handeln?
Die  Anarchisten  antworten,  daß  zunächst  viele  der  sog.  Faulen
heute  nur  einfach  in  die  Irre  gegangene  Menschen  sind,  denen  die
unbegrenzte  Freiheit  der  zukünftigen  Gesellschaft  gestatten  wird,
ihren  Weg  zu  finden,  und  die  sie  infolgedessen  zu  nützlichen  Arbeitern
umformen  wird 4 ).  —  Aber  noch  besser!  Wenn  heute  so  viele
Menschen  sich  der  Arbeit  zu  entziehen  bemüht  sind,  so  liegt  das
daran,  daß  unsere  Gesellschaften  sie  in  der  härtesten  und  widerwärtigsten ­
  Weise  organisiert  haben.  10  oder  12  Stunden  täglich ­
  in  einer  oft  ungesunden  Fabrik  arbeiten  zu  müssen,  an  eine
monotone  und  erschöpfende  Arbeit  gefesselt  zu  sein  und  als  Gegenwart ­
  für  diese  Arbeit  einen  elenden  Lohn  zu  erhalten,  der  kaum
genügt,  die  Familie  zu  ernähren,  das  ist  wahrlich  keine  genügend
reizvolle  Aussicht,  um  jemanden  für  die  Arbeit  zu  begeistern!  Die
Arbeit  produktiv  und  gleichzeitig  anziehend  zu  gestalten 5  *  * ),  das  eben
wird  das  wichtigste  Ergebnis,  wie  der  FouEiEu’schen  Phalansterien,

0  Kbopotkin,  La  Conquöte  du  Pain,  S.  202.
s )  Jean  Guave,  op.  cit.  S.  297.  Pboudhon  ist  viel  strenger:  „Wenn  du  dem
Vertrage  zuschwörst  .  .  .,  wirst  du  der  Gesellschaft  freier  Menschen  zugehören  .  .  ■
Im  Pall  einer  Vertragsverletzung  von  ihrer  Seite  oder  von  der  deinen,  .  .  .  seid
Ihr  für  einander  verantwortlich;  .  .  .  diese  Verantwortlichkeit  kann  ...  die  Ausschließung, ­
  ja  den  Tod  bedeuten“  (Idee  generale  usw,,  S.  343).
3 )  Kbopotkin,  Gegenseitige  Hilfe,  S.  16.
4 )  „Unserer  Meinung  nach  gibt  es  im  genauen  Sinne  des  Wortes  keine
wirklichen  Faulenzer.  Es  gibt  nur  Individuen,  deren  Fähigkeiten  sich  nicht  frei
haben  entwickeln  können,  die  die  soziale  Organisation  daran  gehindert  hat,  für  ihre
Tätigkeit  eine  normale  Dichtung  zu  finden  .  .  .  Schafft  eine  Gesellschaft,  in  der
die  Individuen  ihre  Beschäftigung  wählen  können,  und  ihr  werdet  die  Faulsten  sich
nützlich  machen  sehen.“  Jean  Ge  ave,  La  Societe  future,  S.  277—278.  In  dem
gleichen  Sinne:  Kbopotkin,  LaConquöte  duPain,  Kap:  Objections  (Einwürfe).
5 )  Kbopotkin,  Autour  d’une  vie,  S.  414,  und  La  Conquete  du  Pain,
S.  156.  Die  Anarchisten  sind  aber  nicht  für  eine  allgemeine  Einführung  von  Phalansterien ­
  zu  haben  und  ziehen  das  individuelle  Familienleben  vor.
            
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