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fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
die Grausamkeit nicht bald zuwider würde“ 1 ). Yor allem aber
müssen die Angriffe weniger gegen die Menschen, als gegen die Ein
richtungen, weniger gegen die Individuen, als gegen die sozialen
Umstände gerichtet werden, und deshalb erklärt Bakünin es für das
wichtigste, beim Ausbruch der Revolution zunächst die Archive zu
verbrennen, die Papiere aller Art, die als Besitztitel dienen, zu ver
nichten, sofort die Gerichte, die Polizei abzuschaffen, die Armee auf-
zulösen, und ohne Zögern die Produktionsinstrumente, Häuser, Fabrik
anlagen, Bergwerke usw. zu konfiszieren . . . Und im Wohlstand
für Alle zeigt uns Keopotkin, wie die Einwohner einer aufständigen
Gemeinde sich vor allen Dingen der Wohnungen bemächtigen, um
sie in Gebrauch zu nehmen, die Kleidermagazine besetzen, „damit ein
jeder nehmen könne, was er braucht“, — und vom Boden gemeinsam
Besitz ergreifen, um ihn zu bewirtschaften und seine Erzeugnisse
untereinander zu verteilen. Wenn man in dieser Weise vorgeht
(anstatt, wie dies die Kommune 1871 tat, naiverweise die Schatz
kammern der Banque de France zu respektieren), wird die Revolution
schnell durchgeführt und die selbsttätige Reorganisation der Produk
tion auf unzerstörbarer Grundlage und mit dem Minimum an Blut
vergießen gesichert sein.
Aber diese verhältnismäßig maßvollen Darlegungen haben manch
mal viel schärferen Ausdrücken Platz gemacht. Bakunin hat, wenigstens
während einer gewissen Zeit seines Lebens, die gewaltsame und
erbarmungslose Revolution gegen die Privilegierten gepredigt. Mit
Recht hat man ihn als den Erfinder der „Propaganda der Tat“ be
zeichnen können, — deren Anwendung vor einigen Jahren von ver
zweifelten Fanatikern versucht wurde und die ganze öffentliche
Meinung gegen den Anarchismus erregte. „Wir verstehen unter
Revolution“, hat er irgendwo geschrieben, „die Entfesselung alles
dessen, was man heute die niedrigen Leidenschaften nennt, und die
Vernichtung alles dessen, was man heute in derselben Sprache als
öffentliche Ordnung bezeichnet“. „Das Räuherwesen“, schreibt er
an einer anderen Stelle, „ist eine der ehrenhaftesten Formen des
politischen Lebens in Rußland . .. Der Räuber ist ein Held, ein Ver
teidiger und Erretter des Volkes“ * 2 ). Und in einer Art Proklamation,
den „Prinzipien der Revolution“ —von der man allerdings be
1) Keopotkin, nach Eltzeacheb angeführt; S. 236. „Seitdem die Eevolution
den Charakter des Sozialismus angenommen hat, hat sie aufgehört, blutig und
grausam zu sein. Das Volk ist durchaus nicht grausam: aber die privilegierten
Klassen sind es. . . . Gewöhnlich ist das Volk gut und menschlich. Es leidet selbst
zu sehr, um nicht mit dem Leiden Mitgefühl zu haben.“ (Bakünin, Bd. III, S. 184
bis 186). Der gleiche Gedanke findet sich bei Sorel, Eeflexions sur la violence.
2 ) ßakunin’s sozial-politischer Briefwechsel, S. 335 und 353.