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Die neuere Zeit in der Geschichte der Reformbestrebungen der
italienischen Besteuerung steht entschieden unter dem Einfluß der
Grundgedanken, welche die preußische Steuerreform der 1890 er Jahre
beherrscht haben. Man fordert Autonomie in der Gemeindebe
steuerung.
Lacava, der im Prinzip für Trennung der staatlichen und
kommunalen Besteuerung eintritt und Gegner des Oktrois ist, erklärt
sich zugunsten des Systems der Zuschläge, aber nur soweit sie sich
auf die Immobiliarbesteuerung beziehen. „Das nicht nur, um nicht
das gegenwärtige System von Grund aus umzustürzen, sondern auch,
was noch wichtiger ist, wegen der betrüblichen Lage, in der sich die
kommunalen Finanzen befinden. Die Zuschläge vereinfachen die
Finanzverwaltung des lokalen Gemeinwesens, bieten bei sehr geringen
Kosten Sicherheit der Einnahmen und sind für den Steuerzahler nur
insoweit lästig, als er die Hauptsteuer zu zahlen hat.“ Als Ziel der
Kommunalsteuerreform fordert er eine Kombination von direkten
persönlichen und Realsteuern. Den Immobiliarsteuerzuschlägen sollte
ergänzend an die Seite treten eine allgemeine Steuer von den Ein
künften aus der Landwirtschaft, Industrie und Handel (imposta
generale sul reddito agricolo, industriale e commerciale). Die Familien-
und die Mietsteuer sollten zu einer persönlichen Steuer verschmolzen
werden 1 ). — Merla schlägt vor, die Grund- und Gebäudebesteuerung
dem Staate ausschließlich vorzubehalten, den dazio consumo dagegen
den Gemeinden zu überlassen 2 ). — Den umgekehrten Weg empfiehlt
A1 e s s i o. Er fordert Abtretung der Realsteuem seitens des Staates
an die Gemeinden unter gleichzeitiger Abschaffung der Zuschläge,
dagegen Verzicht der Gemeinden auf den dazio consumo zugunsten
des Staates; jedoch sollte der dazio consumo, sei es in einer späteren
Periode oder sogleich, abgeschafft werden, indem eine persönliche
Steuer vom Immobilienbesitz und eine auf breiter Basis aufgebaute
Getränkesteuer die Mittel zur Durchführung der Reform liefern
anche per il prinoipio prevalente in materia di tasse looali, che cM partecipa in
pin larga copia dei vantaggi della comunitä deve maggiormente concorrere a
sopportarne gli oneri; mentre nei comuni urbani, dove tutte le eure degli ammini-
stratori sono rivolte all’ igiene, all’ edilizia, alla salubritä delle abitazioni, alla siou-
rezza e difesa delle medesime, sarebbe a seguirsi un differente criterio, e la sovra-
imposta dovrebbe solo colpire la rendita delle case.“
J ) P. Lacava, La finanza locale in Italia, Torino, 1896 (S. 194). Derselbe,
Pinanza di Stato e finanza locale, in der „Eiforma sociale“, 1901, S. 863ff.
2 ) G. Merla, Appnnti e considerazioni snl riordinamento finanziario dei
Comuni e delle Provincie, Eoma, 1886.
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