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der Verschuldung legte, so sind inzwischen nicht nur die abnorm hohen Zinsen,
sondern bei vielen Betrieben noch. weitere Betriebsdefizite hinzugekommen.
Eine wichtige Frage ist, inwieweit eine Intensivierung in den Jahren
seit der Währungsstabilisierung als Verschuldungsursache in Frage kommt. Der
Unterausschuß für Landwirtschaft ist der Auffassung, daß, auf den Durchschnitt
der ostpreußischen Landwirtschaft bezogen, in diesen Jahren eine Intensivierung
im Sinne eines allgemeinen Mehreinsatzes von Betriebsmitteln nicht stattgefunden
hat. Im Gegenteil deuten die oben mitgeteilten Zahlen über die Entwicklung des
Kunstdüngerverbrauchs darauf hin, daß im Durchschnitt der Betriebe die Auf-
wendungen in den letzten Jahren nicht gesteigert, sondern eher eingeschränkt
wurden. Es ist daher nicht anzunehmen, daß ein irgendwie wesentlicher Teil der
heutigen Schuldenlast der ostpreußischen Landwirtschaft aus einer wirklichen Inten-
sivierung, d. h. einer Steigerung der produktiven Aufwendungen, stammt.
Dagegen dürfte die besonders in den Jahren 1924 und 1925 betriebene Inten-
sivierungspropaganda zu einer Verschlimmerung der Wirtschaftslage in Ost-
preußen in anderer Weise beigetragen haben. Offenbar hat diese Propaganda in
Verbindung mit dem natürlichen Konservätivismus des landwirtschaftlichen Betriebes
vielfach die Betriebsleiter dazu veranlaßt, einen Intensitätsgrad aufrechtzuerhalten,
der angesichts der Preisverhältnisse seit der Stabilisierung und angesichts des
klimatischen Risikos in Ostpreußen nicht mehr wirtschaftlich berechtigt ist und zu
Betriebsverlusten führen muß. Eine nicht unbedeutende Umstellung der
Betriebsorganisation durch Vermehrung des Grünlandes
auf Kosten des Ackerlandes ist in Ostpreußen zweifellos zu beobachten, doch haben
die Betriebe diese Umstellung in sehr verschiedenem Ausmaße durchgeführt. Der
Unterausschuß hält es für verfehlt, allgemeingültige Richtlinien für die Umstellung
der Betriebsorganisation in einer ganzen Provinz mit so verschiedenartigen wirt-
schaftlichen und natürlichen Produktionsbedingungen zu geben. Er möchte jedoch
darauf hinweisen, daß bei einigen ihm bekanntgewordenen Großbetrieben eine be-
sonders starke Umstellung auf Grünland zu einer sehr erfolgreichen Senkung der
Unkosten und damit zur Vermeidung von Verlusten und zur Eindämmung der Ver-
schuldung geführt hat.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Neuverschuldung der ost-
preußischen Landwirtschaft nur in den seltensten Fällen neu geschaffene Produktiv-
werte gegenüberstehen dürften. Die Buchführungsergebnisse lassen erkennen, daß
in der Mehrzahl der Betriebe der Sollbetrag der Abschreibungen auf Gebäude und
totes Inventar über die tatsächlichen Neubeschaffungen wesentlich hinausgeht, so
daß der Neuverschuldung nicht nur kein produktiver Neuwert gegenübersteht, son-
dern gleichzeitig mit der Neuverschuldung noch eine Verringerung der produktiven
Substanz der Betriebe stattgefunden hat, ein Vorgang, welcher gerade bei den am
stärksten verschuldeten Betrieben am deutlichsten zu beobachten ist.
Inwieweit außerhalb des Betriebes liegende Ursachen zur Verschuldung geführt
haben, hat der Unterausschuß nicht im einzelnen untersuchen können. Ein zu hoher
Stand der persönlichen Lebenshaltung dürfte nur in Einzelfällen als Ver-
schuldungsursache in Betracht kommen. Insbesondere ist in den letzten Jahren die
persönliche Lebenshaltung der ostpreußischen Landwirte, und zwar in allen Be-
triebsgrößenklassen, auf das schärfste eingeschränkt worden.
Die heutige Neuverschuldung der ostpreußischen Landwirtschaft setzt sich
also zum ganz überwiegenden Teile aus den Verlusten der letzten Jahre zusammen.
Den ersten großen Posten bildete das Defizit des Wirtschaftsjahres 1923/24, welches
hei allen Betriehen entetand. deren verkaufsfähige Vorräte im Augenblick der Stabi-