Full text : Organisation

I.  Die  Grundurteile  der  Politik.  29

man  ihn  im  Interesse  des  Einzelnen  entbehren,  so  hätte
der  Staat  selbst  keine  Berechtigung,  und  so  kann  auch
Anarchie  ein  Ideal  werden,  das  nur  praktisch  leider
unmöglich,  an  sich  aber  doch  ganz  hübsch  wäre.  Nur
weil  es  nicht  anders  geht,  muß  man  zusammenwirken,
weil  nian  selbst  dabei  am  besten  fährt,  sich  klugerweise
gelegentlich  rulterordnet  ohne  jemals  die  letzte  Position ­
  seines  Ich  aufzugeben.  Ein  Opfer  dieses  Ich  für
das  Wohlfahrtsinstitut  ist  dann  itn  Grunde  sinnlos;
denn  woher  käme  dazu  die  Pflicht,  wenn  alles  im  Grunde
auf  das  Wohl  des  Einzelnen  hinausläuft?  Die  englische ­
  Ethik  ist  nie  über  diesen  Widerspruch  hinausgekommen, ­
  weil  es  der  sogen.  Utilitarismus  oder  Hedonismus ­
  theoretisch  nicht  vermag.
Umgekehrt  muß  deutsche  Staatsauffassung  mit  der
Pflicht  beginnen  und  Rechte  sich  erst  aus  Leistungen
entwickeln  und  auf  sie  begründen  lassen.  Dem  Menschen ­
  erwächst  durch  seine  Geburt  in  einen  lebenden
Kulturstaat  zu  allererst  eine  Pflicht  gegen  diesen,
denn  alle  die  Vorteile,  die  er  etwa  vor  dem  Kind  eines
Wilden  voraus  hat,  wozu  auch  seine  Anlagen  und  ererbten ­
  Fähigkeiten  gehören,  verdankt  er  nur  der  bestehenden ­
  Gemeinschaft.  Nur  in  einem  Kulturstaat
konnten  seine  Voreltern  und  Eltern  diejenigen  Eigenschaften ­
  erwerben,  die  sie  ihm  dann  vererbten;  das
geistige  Ich  existiert  gar  nicht  ohne  den  Staat,  in  dem
es  erwuchs;  die  Anlagen  des  Menschen,  die  er  mitbringt, ­
  sind  schon  von  Staates  Gnaden.  Menschen  an
sich  gibt  es  gar  nicht,  wenigstens  z.  B.  in  Europa  nicht,
höchstens  auf  einer  tvüsten  Insel;  der  bei  uns  Geborene
empfängt  von  der  Gemeinschaft  bereits  Gaben,  sobald
er  atmet,  und  hat  dafür  eine  Verpflichtung,  nicht  ein
            
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