III. Das Führerproblein. 59
zige Ziel erblickt. So genügt das „Ideal des Weisen",
wie es die antike Philosophie zum großen Teil erfüllte,
nicht, weil es im Grunde egoistischer Art ist; so kann
man wohl Kants und Schillers Persönlichkeits
begriff brauchen, nicht aber den Schleiermachers
oder Schopenhauers; der Goethes steht auf der
Grenze und neigt stark zu- einem ästhetisierenden
Egoismus; auch Carlyles Heroenkultus paßt hier
nicht. Daß Nietzsches Ideen sich in diesen Gedanken
kreis nicht fügen, ist klar; denn sein Übermensch (in
keiner Fassung dieses doppelsinnigen Wortes) soll ja
nicht führen, den anderen nichts leisten; er hat keine
gemeinsamen Ziele mit ihnen, sondern sonnt sich ledig
lich in seiner eigenen Vollkommenheit. Sehr charak
teristisch endlich ist Ibsen, den die Jagd nach der „Per
sönlichkeit" stets in Gegensatz zu Gesellschaft, Staat,
Sitte und Recht bringt und der niemals sieht, daß sich
eine starke Persönlichkeit auch im Staate entfalten
kann. Solche Denker haben auch niemals im wahren
Sinne führend gewirkt, sondern lediglich kritisch, zer
setzend, umwühlend. Man sollte sie nicht mit positi
ven „Führern" in einem Atem nennen; Nietzsche und
Ibsen, wie viele ähnliche Köpfe früherer Zeiten, haben
wohl zum Nachdenken angeregt, schwache Seiten der
Kultur aufgedeckt, Konflikte zwischen Originalität und
Allgemeinheit herbeigeführt, niemals aber wirklich ge
führt, weil sie an positiven Idealen zu arm waren.
Die möglichste Ausbildung aller Anlagen, die höchste
Entfaltung seiner Kräfte, die Erwerbung vielseitiger
und ausgedehnter „Weltanschauung" ist eine hohe
und schöne Sache, aber ein geistiger Luxus, den sich
wenige gestatten können und nicht das, was zum