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III. Das Führerproblem.
Aber freilich müßte man ein Ziel erst anerkennen,
ehe man hoffen darf, daß es erreicht wird; und auch
davon sind wir weit entfernt. Der normale „Schul
meister", wie er noch heute herrscht, ist der geborene
Gegner der sich entfaltenden Persönlichkeit, weil sie
ihm unbequem ist; gegen geborene junge Führer hat
er eine ganz instinktive Abneigung. Denn der Keim des
Führertalents liegt nicht in den „schultechnisch" er
wünschten Eigenschaften, im braven Auswendiglernen,
Nachsprechen, Grammatik oder Mathematik-Pauken,
sondern äußert sich zunächst in Eigenwillen und Neigung
zur Selbständigkeit. Die Selbstzucht kann noch gar
nicht da sein; erst müssen Schößlinge sprießen, ehe man
sie beschneidet, zuerst ein Strom, ehe man ihn eindämnit.
Davon hat der durchschnittliche Schulmann der Mittel
schule keine Ahnung, sondern jede vom Normalen ab
weichende Regung ist ihm verdächtig. Und auch viele
Universitätslehrer lieben noch das Schwören aus des
Lehrers Worte und halten den fleißigen Gedächtnis
menschen für den besten Schüler.
Unsere Schule wertet, im großen und ganzen ge
nommen, falsch und jedenfalls nach ganz anderen Maß
stäben, als das Leben, in dem der „Primus" einer
Klasse meist eine recht bescheidene Rolle spielt und
höchstens wieder ein Schulmeister wird. Speziell die
Keime des Führertalents werden nirgends beachtet,
geschweige denn vorgezogen oder bewußt gezüchtet.
Wo immer sie kann, trampelt die Schiele die ersten
Regungen in dieser Richtung nieder; vom deutschen
Aufsatz, in dem nicht eigene, sondern die vom Lehrer
vorgeschriebenen Gedanken vorkommen sollen, bis zu
den Universitätsseminarien, über denen häufig unsicht-