Full text : Die Konsumtion

Haushaltsrechnungen.

137

§  6

noch  als  viel  zu  gering  erscheinen  1 ).  Sie  mögen  für  den  großstädtischen  Konsumenten ­
  zutreffen;  aber  es  scheint,  als  habe  die  zunehmende  Zentralisation  des  Angebots ­
  in  den  Großstädten  die  Hauptlast  der  Teuerung  auf  das  Land  und  die  kleineren ­
  und  mittleren  Städte  geschoben;  es  handelt  sich  dabei  sowohl  um  das  Angebot ­
  auf  dem  Warenmärkte  wie  auf  dem  Arbeitsmarkte.
Seit  1911  ist  eine  weitere  Preissteigerung  gefolgt.  Das  gewogene  Mittel  von  17
Großhandelspreisen,  zum  Teil  auch  für  nicht  eßbare  Lebensbedürfnisse,  berechnet
Calwer  2 )  für  1895  auf  86,8,  1900  100,0,  1911  114,9,  1912  129,1.  Von  1911  bis  Oktober ­
  1913  stieg  nach  Pohle  3 )  das  arithmetische  Mittel  aus  29  Großhandelspreisen
um  6%.  Auf  die  zum  Teil  recht  unsicher  fundierten  Versuche,  eine  noch  schnellere
Steigerung  der  Arbeitslöhne  für  mehrere  Länder  nachzuweisen  4  5 ),  kann  hier  nicht
eingegangen  werden.
Daß  mit  der  wirtschaftlichen  Konjunktur  der  Verbrauch
steigen  und  fallen,  und  die  Quote  entbehrlicher  Ausgaben  sich  verschieben  muß,
ähnlich  wie  in  Jahren  der  Teuerung,  ergibt  sich  von  selbst;  in  Jahren  niedergehender
Konjunktur  rückt  jedes  Einkommen  auf  eine  tiefere  Stufe  der  Kaufkraft 6 ).
Nach  Jahreszeiten  schwankt  nicht  nur  der  Verbrauch  an  Kleidung,
sondern  in  erheblichem  Maße  auch  an  Nahrung,  indem  im  Sommer  nicht  nur  der  Fettbedarf ­
  geringer  ist,  sondern  auch  der  Appetit  auf  Fleisch  nachzulassen  pflegt 6 ).
Der  verringerten  Nachfrage  entspricht,  wenigstens  nach  einer  amerikanischen  Statistik ­
 7 ),  eine  Verbilligung  der  Lebensmittel  im  Kleinhandel  während  der  Sommermonate. ­
  Man  sieht  daraus,  daß  es  nicht  angeht,  aus  der  Konsumtion  eines  Monats
auf  den  Jahresverbrauch  zu  schließen.

Mit  Rücksicht  auf  die  natürliche  Begrenztheit  des  Nahrungsbedürfnisses

man  geglaubt,  in  den  Nahrungsausgaben  der  obersten  Einkommensstufen  eine
„freie  Kostwahl“  sehen  zu  dürfen,  die  das  subjektive  Nahrungsbedürfnis
voll  befriedigt,  weil  das  Geld  dazu  ausreicht.  Von  freier  Kostwahl  ist  jedoch  in  der
Wirklichkeit  wenig  die  Rede.  Wir  sprachen  schon  von  der  weitgehenden  Bindung
der  Kostwahl  durch  die  Macht  der  Gewohnheit  und  der  Sitte  und  durch  gesellschaftliche ­
  Rücksichten.  Aber  auch  davon  abgesehen,  scheint  es  doch  eine  sehr  schmale
Oberschicht  zu  sein,  deren  Kostwahl  nicht  auch  durch  die  finanzielle  Rücksicht  eingeschränkt ­
  ist.  Von  freier  Kost  könnte  höchstens  dann  die  Rede  sein,  wenn  die  Statistik ­
  zeigte,  daß  wachsendes  Einkommen  von  einer  gewissen  Grenze  an  die  absolute
Nahrungsausgabe  nicht  mehr  steigert.  In  der  Statistik  der  Normalfamilien  sehen  wir
jedoch  auch  jenseits  der  Einkommensgrenze  von  4000  Mark  die  absolute  Ausgabe  für
Nahrungszwecke  noch  etwas  steigen,  wenn  auch  nur  noch  langsam.  Eine  aus  Frankfurt ­
  a.  M.  mitgeteilte  Wirtschaftsrechnung  der  Jahre  1896—1905  8 )  zeigt,  daß  noch
bei  einem  Einkommen  von  10  000  Mark  die  damalige  Teuerung  zwar  zu  einer  Mehrausgabe ­
  für  Nahrung,  aber  doch  zu  einer  schlechteren  Ernährung  führte;  während  in

9  Brutzer  (Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  139,  Teil  2  (1912),  S.  44  f.)
berechnet  auf  etwas  anderer  Basis  als  Calwer  die  Zunahme  der  Ausgaben  einer  vierköpfigen
Berliner  Arbeiterfamilie  für  die  wichtigsten  Lebensmittel  1900—1910  auf  16—17%,  fast  genau
übereinstimmend  mit  Calwer;  übrigens  nach  einer  vorausgegangenen  starken  Wellenbewegung
der  Teurungsziffer  in  den  80er  und  90er  Jahren.
2 )  Die  Zahlen  sind  die  im  B  I  a  u  b  u  c  h  S.  353  berichtigten.
3 )  Statistische  Beilage  der  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft.
4 )  Für  Deutschland  vgl.  z.  B.  die  anonyme  Schrift:  Sisyphusarbeit  oder  positive ­
  Erfolge?  Beiträge  zur  Wertschätzung  der  Tätigkeit  der  deutschen  Gewerkschaften, ­
  Berlin  1910  (aus  dem  Korrespondenzblatt  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften ­
  Deutschlands).  Im  entgegengesetzten  Sinne  Stephan  Bauer  und  Irving  Fischer
in  den  Annalen  für  soziale  Politik  und  Gesetzgebung  1912:  Preissteigerung  und  Reallohnpolitik. ­

5 )  Einige  Zahlen  im  109.  Bande  der  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  S.  237  f.
6 )  Vgl.  die  Nürnberger  Statistik  bei  E  u  1  e  n  b  u  r  g  ,  S.  33.
7 )  Reichsarbeitsblatt  1910,  S.  685.
s )  Henriette  Fürth,  Ein  mittelbürgerliches  Budget,  1907.  Vgl.  Eulen  bürg,  S.  19.
            
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