Haushaltsrechnungen.
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§ 6
noch als viel zu gering erscheinen 1 ). Sie mögen für den großstädtischen Konsumenten
zutreffen; aber es scheint, als habe die zunehmende Zentralisation des Angebots
in den Großstädten die Hauptlast der Teuerung auf das Land und die kleineren
und mittleren Städte geschoben; es handelt sich dabei sowohl um das Angebot
auf dem Warenmärkte wie auf dem Arbeitsmarkte.
Seit 1911 ist eine weitere Preissteigerung gefolgt. Das gewogene Mittel von 17
Großhandelspreisen, zum Teil auch für nicht eßbare Lebensbedürfnisse, berechnet
Calwer 2 ) für 1895 auf 86,8, 1900 100,0, 1911 114,9, 1912 129,1. Von 1911 bis Oktober
1913 stieg nach Pohle 3 ) das arithmetische Mittel aus 29 Großhandelspreisen
um 6%. Auf die zum Teil recht unsicher fundierten Versuche, eine noch schnellere
Steigerung der Arbeitslöhne für mehrere Länder nachzuweisen 4 5 ), kann hier nicht
eingegangen werden.
Daß mit der wirtschaftlichen Konjunktur der Verbrauch
steigen und fallen, und die Quote entbehrlicher Ausgaben sich verschieben muß,
ähnlich wie in Jahren der Teuerung, ergibt sich von selbst; in Jahren niedergehender
Konjunktur rückt jedes Einkommen auf eine tiefere Stufe der Kaufkraft 6 ).
Nach Jahreszeiten schwankt nicht nur der Verbrauch an Kleidung,
sondern in erheblichem Maße auch an Nahrung, indem im Sommer nicht nur der Fettbedarf
geringer ist, sondern auch der Appetit auf Fleisch nachzulassen pflegt 6 ).
Der verringerten Nachfrage entspricht, wenigstens nach einer amerikanischen Statistik
7 ), eine Verbilligung der Lebensmittel im Kleinhandel während der Sommermonate.
Man sieht daraus, daß es nicht angeht, aus der Konsumtion eines Monats
auf den Jahresverbrauch zu schließen.
Mit Rücksicht auf die natürliche Begrenztheit des Nahrungsbedürfnisses
man geglaubt, in den Nahrungsausgaben der obersten Einkommensstufen eine
„freie Kostwahl“ sehen zu dürfen, die das subjektive Nahrungsbedürfnis
voll befriedigt, weil das Geld dazu ausreicht. Von freier Kostwahl ist jedoch in der
Wirklichkeit wenig die Rede. Wir sprachen schon von der weitgehenden Bindung
der Kostwahl durch die Macht der Gewohnheit und der Sitte und durch gesellschaftliche
Rücksichten. Aber auch davon abgesehen, scheint es doch eine sehr schmale
Oberschicht zu sein, deren Kostwahl nicht auch durch die finanzielle Rücksicht eingeschränkt
ist. Von freier Kost könnte höchstens dann die Rede sein, wenn die Statistik
zeigte, daß wachsendes Einkommen von einer gewissen Grenze an die absolute
Nahrungsausgabe nicht mehr steigert. In der Statistik der Normalfamilien sehen wir
jedoch auch jenseits der Einkommensgrenze von 4000 Mark die absolute Ausgabe für
Nahrungszwecke noch etwas steigen, wenn auch nur noch langsam. Eine aus Frankfurt
a. M. mitgeteilte Wirtschaftsrechnung der Jahre 1896—1905 8 ) zeigt, daß noch
bei einem Einkommen von 10 000 Mark die damalige Teuerung zwar zu einer Mehrausgabe
für Nahrung, aber doch zu einer schlechteren Ernährung führte; während in
9 Brutzer (Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 139, Teil 2 (1912), S. 44 f.)
berechnet auf etwas anderer Basis als Calwer die Zunahme der Ausgaben einer vierköpfigen
Berliner Arbeiterfamilie für die wichtigsten Lebensmittel 1900—1910 auf 16—17%, fast genau
übereinstimmend mit Calwer; übrigens nach einer vorausgegangenen starken Wellenbewegung
der Teurungsziffer in den 80er und 90er Jahren.
2 ) Die Zahlen sind die im B I a u b u c h S. 353 berichtigten.
3 ) Statistische Beilage der Zeitschrift für Sozialwissenschaft.
4 ) Für Deutschland vgl. z. B. die anonyme Schrift: Sisyphusarbeit oder positive
Erfolge? Beiträge zur Wertschätzung der Tätigkeit der deutschen Gewerkschaften,
Berlin 1910 (aus dem Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften
Deutschlands). Im entgegengesetzten Sinne Stephan Bauer und Irving Fischer
in den Annalen für soziale Politik und Gesetzgebung 1912: Preissteigerung und Reallohnpolitik.
5 ) Einige Zahlen im 109. Bande der Schriften des Vereins für Sozialpolitik, S. 237 f.
6 ) Vgl. die Nürnberger Statistik bei E u 1 e n b u r g , S. 33.
7 ) Reichsarbeitsblatt 1910, S. 685.
s ) Henriette Fürth, Ein mittelbürgerliches Budget, 1907. Vgl. Eulen bürg, S. 19.