Moderne Wandlungen der Konsumtion.
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der Eiweißbedarf z. B. schon vermindert werden, wenn Jemand dauernd statt Brot
hauptsächlich Kartoffeln oder Reis genießen wollte, oder wenn wir in gleicher Weise
statt des Fleisches nur Milch oder Käse einführen wollten“ *). Das theoretische Ei
weißminimum läge danach etwa zwischen 30 und 102 g; aber die praktische Eiweiß
norm, die auch allen Wechselfällen Rechnung trägt, soll weit oberhalb des Mini
mums liegen; wie weit, will Rubner nicht entscheiden 2 ). Cohnheim 3 ) schlägt
90—100 g vor, also weniger als Voit (118 g). Die Normziffer könnte natürlich nied
riger sein, wenn es gelänge, durch eine zweckmäßig zusammengesetzte Kost zu
einem niedrigen Eiweißminimum zu kommen. „Die Möglichkeit einer anderen
Regelung der Kost, wie sie Chittenden z. B. angeführt hat, kann nur allmählich zum
Durchbruch kommen; wir werden also zum mindesten alle Ursache haben, einer
Steigung des Eiweißverbrauchs über die oben angegebene Grenze (118 g) hinaus in
keiner Weise das Wort zu reden“ 4 ).
8. Was wird nun aus jenem Ueberschuß an Eiweiß, den der Erwachsene über
das Minimum hinaus seinem Körper zuführen soll? Er dient nicht zum Muskel
ersatz usw., sondern bleibt zeitweilig im Körper, bis er nach Auslösung seines Ka
lorienwerts aus ihm verschwindet 5 ). Voit nannte ihn „zirkulierendes Eiweiß“,
und erkannte ihm eine große Bedeutung für die Energie und Kraftfülle des Konsu
menten zu 6 ). Sein Schüler Rubner nennt ihn „Uebergangs“- oder „Vorrats
eiweiß“ 7 ), hat über seine Existenzweise im Körper eine andere Vorstellung als Voit,
und sieht seine hohe Bedeutung eben in einer Kompensation der erwähnten zu
fälligen Defizits im Eiweißhaushalte des Körpers. Ohne diesen Reservevorrat müsse
jede zufällige Unterschreitung des Minimum zu gefährlichen Zellverlusten führen,
die erst langsam durch verstärkte Eiweißzufuhr wieder ausgeglichen werden können,
und zwar bei Leuten mit schwacher Muskeltätigkeit außerordentlich langsam 8 );
der schwer arbeitende Landmann kann demnach, wenn Rubner Recht hat, die Ei
weißreserve eher entbehren als der Städter, weil, „wie es scheint, das arbeitende
Organ mit kleinen Nahrungsüberschüssen auskommt, wo das ruhende zu wenig er
hält“ 9 ); dadurch wird also das Konto des städtischen Eiweißbedürfnisses belastet.
Und er sieht die physiologische Nebenwirkung dieses Reserveeiweiß nicht lediglich
als günstig an: indem es die Körpertemperatur bedeutend erhöht, steigert es zwar
im kühlen Klima und bei schwacher Muskeltätigkeit das Gefühl körperlichen Be
hagens, wird aber bei höherer Luftwärme und intensiver Muskelarbeit unbequem,
auch weil es zum Schwitzen zwingt; „nichts kann ungünstiger für eine gute Arbeits
leistung sein, als eine übertrieben hohe Zufuhr von Eiweiß“ 10 ). Auch unter diesem
Gesichtspunkte erscheint der Organismus des weniger muskeltätigen Städters benach
teiligt. Noch ungünstiger beurteilt Cohnheim 11 ) die Wirkung reichlicher Ei
weißnahrung.
9. Indes der Kostwechsel in der Stadt, von dem unsere Erörterung ausging, ist
aus diesen zwei Gesichtspunkten offenbar noch nicht genügend erklärt: relativ ei
weißreiche, wenig voluminöse Kost und Mehrbedarf an Eiweißreserve infolge schwa
cher Muskelarbeit. Zum Beispiel der Uebergang zum Brot aus immer feinerem
Mehl hat ja mit dem kleineren Energiebedarf des Städters nichts zu tun, und der
ausnutzbare Eiweißgehalt des feinsten Weizenmehls ist kleiner als der der gleichen
Quantität des gröbsten, der des Brots aus feinstem Mehl kleiner als der einer gleichen
Gewichtsmenge Kleiebrot. Aber die bessere Ausnutzung des feinen Mehls in der
i) S. 86. 2 ) Ebendort.
3 ) S. 448. 4 ) Rubner 1908, S. 42.
5 ) Ueber verschiedene Meinungen über den Verbleib des überschüssig genossenen Eiweiß
vgl. Hermann, Lehrbuch der Physiologie, 11. Auf). 1896, S. 232f.
6 ) So in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie, mathematisch-physikalische
Klasse, 1869, S. 495 und 525 f.
7 ) Z. B. 1913, S. 72.
8 ) 1908, S. 118, 127.
10 ) S. 76 f.
s ) 1913, S. 75.
“) S. 443 f.