Full text : Die Konsumtion

Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

151

§  7

Das  Eiweiß,  das  neben  einem  starken  Wassergehalt  im  magern  Fleisch  vorwiegt,
hat  nicht  mehr  Nährwert  als  die  gleiche  Menge  Kohlehydrate;  aber  es  ist  Eiweiß,
und  daneben  wird  das  Fleisch  wohl  hauptsächlich  seiner  vorzüglichen  kulinarischen
Eigenschaften  wegen  vom  Städter  bevorzugt 1 ).  „Diese  Eigenschaften  sind  aber
nicht  etwa  als  ein  wertloser  Gaumenkitzel,  sondern  als  objektiv  bedeutungsvolle
Besonderheiten  zu  bewerten.  Es  ist  ein  alter  Erfahrungssatz,  daß  durch  Arbeit
der  Appetit  besonders  gesteigert  wird,  und  daß  man  dann  selbst  mit  einfachen  Nahrungsmitteln ­
  ohne  alle  besonderen  Kochkünste  auskommt.  Der  Magen  eines  mechanischen ­
  Berufsarbeiters  oder  sporttreibenden  Menschen  verträgt  nicht  nur  die  Nahrung ­
  besser  als  ein  Stubenhocker,  sondern  er  ist  auch  in  jeder  Richtung  genügsamer.
Am  meisten  finden  wir  das  Streben  nach  einer  reizvollen  Kost  bei  Menschen  mit
angestrengter  geistiger  Arbeit,  die  sich  jede  Muskelleistung  versagen.“  Diese  besonderen ­
  Ansprüche  des  städtischen  Konsumenten  sind  zu  beachten  bei  Voits  Forderung: ­
  118  g  Eiweiß,  und  davon  35%  in  der  Form  des  Fleisches.
12.  Der  „Fleischreiz“  belebt  nicht  nur  den  notleidenden  Appetit,  sondern  fördert ­
  durch  die  Extraktivstoffe  des  Fleisches  auch  die  Tätigkeit  der  Verdauungsdrüsen. ­
  Geistige  Arbeiter  nehmen  gern  auch  scharfe  Gewürze  im  Uebermaß  hinzu,
um  vom  Alkohol,  Kaffee  und  Tee  nicht  zu  reden;  während  Brot  und  andere  stärkemehlhaltige ­
  Nahrungsmittel  auch  durch  den  Süßreiz  des  Zuckers  noch  etwas  weiter
zurückgedrängt  werden.  Angenommen,  diese  Reizmittel  erreichen  ihren  Zweck,  so
hinterlassen  sie  doch  Nebenwirkungen 2 ).  „Es  entstehen  Stoffwechselkrankheiten, ­
  alle  jene  Krankheiten,  die  dann  oft  sehr  langdauernde  wiederholte  Bäderkuren ­
  und  ähnliches  notwendig  machen.“  Sowohl  die  Kosten  dieser  Kuren  wie  der
Ausfall  an  Arbeitsfähigkeit  sind  zu  Lasten  der  städtischen  Lebensverteuerung  zu
buchen.  Ebenso  bedrohen  die  bekannten  Krankheiten  des  chronischen  Alkoholkonsumenten ­
  gerade  den  Städter  bei  seinem  weit  geringeren  Nahrungsumsatz  in  erhöhtem ­
  Maße  3 ),  auch  wenn  man  das  besondere  Uebermaß  des  städtischen  Alkoholkonsums ­
  nicht  in  Anschlag  bringt.  Er  trinkt  mehr  und  verträgt  weniger.
Die  schweren  spezifischen  Krankheiten  bei  reichlicher  Fleischnahrung  beginnen,
abgesehen  vom  Kindesalter,  mit  den  30er  und  40er  Jahren 4  * );  zu  ihnen  zählt  außer
Gicht  und  Rheumatismus  namentlich  auch  die  Arterienverkalkung.  Die  erhöhte
Sterblichkeit  des  Städters  ist  durch  diese  Krankheiten  mitbedingt.  Aber  auch
die  Darmverstopfung  mit  ihren  Begleiterscheinungen  (namentlich  der  verbreiteten
städtischen  Modekrankheit:  nervöse  Dyspepsie  und  Magenhyperacidität) 6 )  gilt  als
Folge  der  Fleischkost,  weil  die  unverdaulichen  Zellulosebestandteile  in  der  vegetabilischen ­
  Nahrung,  die  die  Peristaltik  des  Darms  zweckmäßig  anregen,  in  der  Fleischkost ­
  knapp  sind.  Diesen  Mangel  soll  der  Massenkonsum  der  nährstoffarmen  Obstfrüchte ­
  und  grünen  Gemüse  ausgleichen;  er  soll  zugleich  dem  Körper  die  mineralischen ­
  Stoffe  zuführen,  die  in  der  sonstigen  städtischen  Kost  gleichfalls  knapp  sind
und  durch  das  oft  weiche  Wasser  der  städtischen  Wasserleitungen  6 )  noch  knapper
werden.  „So  sehen  wir  in  der  brot-  und  kartoffelarmen  Kost  des  Amerikaners  Obst
und  Früchte  eine  viel  größere  Rolle  spielen  als  bei  uns,  und  die  grob  gemahlenen,
schlecht  ausnutzbaren  Bauernbrote,  die  als  Volksnahrungsmittel  zurücktreten,
halten  als  diätetische  Kurmittel  in  die  Kost  des  Wohlhabenden  ihren  Einzug“  7 ).
Auch  der  immerhin  starke  Mehrverbrauch  an  Südfrüchten,  den  wir  in  der  deutschen
Konsumtion  vorhin  fanden,  findet  vielleicht  so  als  Folge  der  besonderen  Bedürftigkeit ­
  des  Städters  seine  Erklärung.

')  R  u  b  n  e  r  1908,  S.  81  f.  »)  Rubner  1908,  S.  126,  92.
3 )  Rubner  1898,  S.  31.  4 )  Ebendort  S.  128.
6 )  v.  Noorden,  Diätetische  Zeit-  und  Streitfragen.  Deutsche  Revue  1909,  Bd.  2,
S.  37.
')  Weiches  Wasser  schont  die  Dampfkessel  und  soll  aus  diesem  Grunde  von  manchen
Stadtverwaltungen  bevorzugt  werden,  auch  wo  härteres  Wasser  erreichbar  ist.
7 )  Cohnheim  S.  284.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.