Full text: Die Konsumtion

Moderne Wandlungen der Konsumtion. 
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ernähi'ten Großstädters x ): abgemagert, blutarm, schlaff; der Gewichtsverlust des 
Körpers erstreckt sich infolge von Eiweißmangel auch auf das Protoplasma der 
Zellen; zur Muskelschwäche gesellt sich Energielosigkeit, und bald auch aufreibende 
Uebermüdung, weil es an Reservekräften fehlt; die Organe entarten greisenhaft; 
unter den Folgewirkungen ist die mangelhafte Wärmeregulierung und die Anfälligkeit 
namentlich gegenüber bakteriellen Erkrankungen hervorzuheben 2 ). Seuchen, die 
in der dicht besiedelten Stadt ohnehin gefährlicher sind, verbreiten sich auch infolge 
dieser Anfälligkeit leichter; „die Aufwendungen für Krankenpflege, Krankenhaus 
unterkunft, für Sieche und anderweitige Versorgungsbedürftige lasten schwer auf 
Staat und Gemeinde“. 
15. Die Beachtung dieser Wandlungen im Nahrungsbedürfnis ist nicht nur für 
die allgemeine Richtung der nationalen Wirtschaftspolitik, sondern auch für andere 
wirtschaftliche Fragen wichtig. So hat man die Kost des preußischen Soldaten seit 
der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederholt verfeinern müssen, wohl infolge der zu 
nehmenden Quote von Leuten mit städtischen Ernährungsgewohnheiten. Anderer 
seits wäre es wahrscheinlich eine volkswirtschaftliche Ersparnis an Nahrungskosten, 
wenn es gelänge, Werkstatt- und Freiluftarbeit in Personalunion zu verbinden. 
16. Dem unzureichenden Gebrauche großstädtischer Kostreizmittel steht ihr 
Uebermaß gegenüber. Rubner 3 ) hält mit seiner Ueberzeugung nicht zurück, daß 
mit der Fleischkost der wohlhabenden Klassen ein entbehrlicher und schädlicher 
Luxus getrieben werde, zum Teil aus „kosmetischen“ Gründen, im Interesse schlan 
ker Körperformen. Dieser scharf akzentuierte Fleischkultus der Oberschicht ist 
nun schon durch lediglich psychologische Vermittlung nicht ohne Einfluß auf die 
Wertschätzung des Fleischkonsums seitens der Menge. Schon längst war das Be 
dürfnis nach einer kostspieligen Reizkost das Charakteristikum führender Schichten, 
insbesondere der akademischen Berufe gewesen 4 ). „Das Gebahren der wohlhabenden 
Familien bringt den Fleischkultus zu Ehren und überträgt ihn dann auf weitere 
Kreise“ B ). „Die große Masse sieht in der Fleischkost das einzig Erstrebenswerte“ 6 ). 
Nach dem früher Ausgeführten erkennen wir darin einen Anwendungsfall jener „so 
zialen Kapillarität“. Es sei dahingestellt, welche besonderen Gründe der schwächere 
Fleischkonsum in Italien 7 ) und vollends bei den ländlichen slavischen Völkern hat. 
Für Deutschland meint Rubner 8 ), daß selbst in Arbeiterkreisen der Fleischkonsum in 
nicht seltenen Fällen so weit getrieben sei, daß eine Verminderung physiologisch 
zweckmäßig wäre. Er meint an anderer Stelle 9 ), daß gerade die sozial aufgestiegenen 
Elemente eine Neigung haben, die charakteristischen Züge des teueren Ernährungs 
typus zunächst zu übertreiben. Und man kann verstehen, daß auf dieser psychologi 
schen Grundlage in unwirtschaftlicher Weise gerade die teueren Nahrungsmittel 
zeitweise „in Mode kommen“, wie man sich ausdrückt, obgleich es sich nicht um 
eine Mode handelt, sondern neben dem ehrgeizigen Motiv um einen massenpsychologi 
schen Irrtum über den Nährwert des Fleischs. Rubner 10 ) weist darauf hin, wie 
Schweifungen, die schädliche Hast auch beim Essen selbst. Natürlich treffen diese Bedingungen 
der Ernährung noch weniger ausnahmslos für alle städtischen Konsumenten zu, als die Folgen 
schwacher Muskeltätigkeit. Sie werden deshalb hier nur kurz erwähnt. 
Noch schwerer als jedes dieser Momente dürfte in die Wagschale fallen, daß die städtische 
Arbeiterfrau aus bekannten Gründen nicht gut haushält und kocht, im Industrielande Groß 
britannien noch weniger als in Deutschland und Frankreich. Auf 2 Milliarden Mark schätzt 
der englische Nationalökonom Marshall die jährliche Warenvergeudung durch englische Haus 
frauen, ungerechnet die Schädigung der Verdauungsorgane durch mangelhaft zubereitete 
Kost. Gerade für die in der Stadt nötige Kost fällt aber die Kochkunst besonders ins Ge 
wicht. Auch bei der Vergleichung von Nahrungsbudgets sollte man diesen gravierenden Ein 
fluß der Köchin niemals aus dem Auge lassen. 
" 1908, S. 99 f., 135. 1913, S. 60. 
1908, S. 102, 136, 138. 3 ) 1908, S. 128 f. 
S. 32 f. ') S. 129. 
S. 131. 7 ) 1913, S. 93. 
S. 96. 8 ) S. 18. 
9 
9 
9 
*) 
8 ) 
10 ) 1913, S. 18.
	        
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